Hier & Jetzt - bewusst leben

Ein Gastbeitrag von Anna Geisler aus Berlin

Jetzt & Hier – Nicht Dann & Dort.
Nicht Später & Woanders.
Sondern: genau jetzt, genau hier.

Kaffee zum EntspannenIn einer kleinen türkischen Bäckerei in Berlin genieße ich gerade einen bis zum Rand gefüllten Becher Milchkaffee. Leicht aufgeschäumt, die Milch, und da der Kaffee stark ist, süße ich ihn mit Zucker, gleich zwei gehäufte Löffel gönne ich mir. Sonst bin ich doch immer so vernünftig, verzichte freiwillig auf Zucker fast jeder Art, keine Schokolade, keine Süßigkeiten. Trinke Kaffee nur noch mit Mandel- oder Hafermilch, weil die als sooo gesund angepriesen werden.

Der Ort, dieses Café, ist der Ort für meine Auszeit, eine kleine Flucht, so zu sagen.
Sonntag, die Sonne scheint und die Kälte (es ist Januar) macht mir auf der Decke des Korbstuhls sitzend, überhaupt nichts aus. Ich fühle mich wohl.

Dabei ist mein Jetzt seit einigen Jahren alles andere als einfach. Mein Mann ist an dieser schrecklichen Krankheit erkrankt. Krebs. Er kämpft, ich kämpfe. Jeder für sich und auch gemeinsam. „Tag für Tag“, das Motto unserer Gegenwart. Auch ein Teil vom Jetzt. Viele kleine Mini-Jetzt-Momente, die wir zu nutzen versuchen. Mehr Leben an einem Tag!

Ein anderer Tag

Sehr bedeckt ist der Himmel da oben, aber das macht mir heute nichts aus.
sonne schenkenIch habe eine wirklich sehr kleine Leinwand vor mir auf den Zeichenblock gelegt, ich will malen, in Farben, bunt, fröhlich. Ich kämpfe. Gelb, orange und rot, meine Farben für jetzt. Ich male eine Sonne auf die kleine Malfläche. Und das macht Spaß. Ich vergesse die Zeit, die sich meinem Mann und mir so unfair in unser Leben gedrängt hat. Ich male Sonnen, gleich mehrere nacheinander. Und dass ich mir selbst damit solch eine Freude mache, Glücksgefühle, das war mir vorher nicht klar. Das werde ich jetzt öfter machen. Sonnen malen, in gelb, orange und rot. Ich bin ganz hier, ganz bei mir, so ein schönes Jetzt!

An dann und dort, später und woanders, mag ich gerade nicht denken. Deshalb lasse ich es auch. „Stunde um Stunde“, meine neueste Devise. So erscheint mir ein Tag sicherer, bewusster. Das beruhigt mich, tut mir gut. Entlastet mein Denken, das oft sehr aufgeregt und sorgenvoll ist.

Im Dann und Dort habe ich mich gedanklich schon ganz gehörig verlaufen.
Habe geplant, fantasiert in meinen Visionen, und dann ging es doch reichlich schief.
Meine Vorstellungen ließen sich nicht verwirklichen. Vielleicht zu schnell, in jedem Fall un-überlegt, mir fehlte wohl auch die Erfahrung. Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt, nicht der passende Moment.

Kairos vs. Chronos

Diese beiden gegensätzlichen Zeit-Prinzipien.
Kairos – der Gott des „glücklichen“ Moments. Also doch die manchmal nur halb-laute innere Stimme ernst nehmen und nicht Chronos-gemäß auf die Uhr starren, nicht nach dem äußeren Kalender leben und entscheiden. Was ja leider nicht immer möglich ist.Kairos und Chronos

Kairos mag ich. Dieser andere Umgang, orientiert am Augenblick, mit Projekten und Entscheidungen gefällt mir. Und wenn es mir dann gelingt, dieser Zeit-Philosophie zu folgen, ist das Ergebnis meist stimmiger. Manchmal führt Cairos mich an den richtigen Ort, an dem ich etwas für mich finden kann oder erlebe. So fühlt es sich jedenfalls an.
So wie beim Los-Spazieren an diesem Sonntag zum Cafè, ich habe mich einfach treiben lassen, ohne Ziel. Und die Sonnen, die kamen mir auch nicht in den Sinn, weil sie auf meinem Plan standen, sondern einfach so. Weil ich sie liebe und brauche. Jetzt und hier.

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Vielen Dank, liebe Frau Geisler für diesen Beitrag. Er passt so gut in diese unsichere Zeit, im Frühjahr 2020, wo alle Menschen mit der Bedrohung durch einen unsichtbaren Virus kämpfen müssen und nicht wissen, was kommt. Ein achtsamer Umgang mit dem Augenblick erscheint mir wichtiger denn je: Jetzt und Hier kann jeder nur das tun, was nötig ist – mit der Absicht, bewusst das Leben zu nehmen, was auch immer es für uns bereithalten mag.
Für sich selbst gut zu sorgen, gerade jetzt zu genießen, zu malen, sich wohl zu fühlen, zu wissen um das, was man liebt und braucht – all das erhält plötzlich eine neue Bedeutung. Liebe LeserInnen, sorgen Sie gut für sich und bleiben Sie gesund!

Ihre
Konstanze Quirmbach

2 Kommentare
    • Konstanze Quirmbach sagte:

      Hallo lieber Bernhard,
      es freut mich, dass Ihnen der Beitrag gefällt. Mich hat der Text von Frau Geisler auch angesprochen, weil sie etwas Wichtiges zum Ausdruck bringt: Du kann für andere nur da sein, wenn du auch gut für dich selbst da bist! Das gilt für alle – gerade auch jetzt für die Ärzte, Pfleger, Krankenhauspersonal und alle Helfer in der Krise. Eigene Grenzen spüren und ernst nehmen – sich wenigstens ein Mindestmaß an Regenerationszeit zugestehen, damit es für alle weitergehen kann.
      Hätte mich auch interessiert, was Sie unter „sehr schön“ verstehen. Möchten Sie das vielleicht noch ein wenig deutlicher machen?

      Vielen Dank auf jeden Fall für Ihren Kommentar. Herzliche Grüße und alles Gute für Sie!

      Antworten

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