Festhalten oder loslassen?

„Die Dinge verändern sich, egal ob wir das nun wollen oder nicht.“ (Jack Kornfield)

Jetzt loslassen

Was müssten Sie eigentlich gerade loslassen? Welche Bequemlichkeit oder Trägheit? Welche Überzeugungen oder Wunschvorstellungen? Welche schlechten oder selbstschädigenden Gewohnheiten? – Immer gibt es etwas, das aufgegeben werden muss, wenn etwas anderes eine Chance haben soll. Immer treffen wir Entscheidungen zwischen Alt und Neu, zwischen Mache-ich-so-weiter oder Lasse-ich-das-hinter-mir. Viele dieser Entscheidungen treffen wir ganz unbewusst, doch manche Entscheidungen brauchen unsere bewusste Aufmerksamkeit, wenn wir nicht stecken bleiben, sondern weitergehen wollen im Leben.

Warum ist loslassen wichtig?

Das Leben lässt uns keine Wahl. Es verändert sich ständig etwas, ob wir das wollen oder nicht. Denn was lebendig ist, entwickelt sich, wächst und ist vergänglich. Und so sehr wir das eine, das Lebendige, auch lieben, so fürchten wir das andere, die Vergänglichkeit. Es scheint unsere Natur zu sein, dass wir versuchen, das Angenehme festzuhalten – doch es kann uns nicht gelingen aus dem ganz einfachen Grund, weil nun einmal nichts für die Ewigkeit ist. Wir müssen immer wieder und immer wieder loslassen. Jeden Moment des Glücks, Stunden der Freude, erfüllte Tage, Jahre der Jugend, sich ändernde Überzeugungen, geliebte Menschen. Loslassen begleitet uns täglich, ob wir wollen oder nicht. Ebenso selbstverständlich sträuben wir uns dagegen, weil wir unangenehme Gefühle vermeiden möchten. Es tut weh, etwas Schönes aufzugeben, etwas Angenehmes, das Freude in unser Leben gebracht, es uns leichter gemacht oder versüßt hat.

Loslassen – schwer oder leicht?

Was das Schicksal uns zumutet, ist oft nur schwer oder gar nicht zu verstehen. Es ist weder gerecht noch weise noch gut für irgendetwas. Und doch haben wir keine andere Wahl, als es zu akzeptieren, weil es eben das ist, was uns passiert. Unumstritten verursacht es Leid, etwas Geliebtes zu verlieren, und es ist definitiv schwer gehen zu lassen, was Teil unseres Lebens und wichtig für uns war. Bricht etwas weg, dann fehlt zunächst etwas. Eine Lücke, ein Mangel entsteht, wir fühlen uns unsicher, manchmal sogar aus der Bahn geworfen, wir empfinden möglicherweise Schmerz, Trauer, Angst, Widerstand, Wut. Diese unangenehmen Gefühle wollen wir nicht. Und doch bleibt uns keine Wahl. Wir sind damit konfrontiert.

Festhalten heißt genau das: Nicht haben zu wollen, was ist, und stattdessen das herbeizusehnen, was doch nicht mehr da ist. Es heißt, das Fehlende zu glorifizieren, zu jammern, zu grollen, zu verhärten und die Realität abzulehnen. Wer das tut, für den ist Loslassen schwer, ja unmöglich.

Loslassen begleitet uns täglich, ob wir wollen oder nicht. Klick um zu Tweeten

Loslassen ist das Gegenteil. Wir schauen der Realität ins Auge, der Angst, der Wut und all den unangenehmen Gefühlen. Wir halten sie aus und lernen, dass sie in der Situation genau die richtigen, die angemessenen Gefühle sind. Sie helfen uns, den Wert des Verlorenen noch einmal zu spüren und es in seiner Bedeutung für uns zu würdigen. Sie helfen uns, die Ereignisse zu verarbeiten und sie fest in unseren Lebenslauf zu integrieren. Wir erkennen, dass nicht etwas einfach vorbei ist, sondern dass wir für immer auch etwas gewonnen haben. Die Sehnsucht nach Vergangenem wird umgemünzt in Dankbarkeit für das Gewesene. Das Leben hat uns eine Weile etwas Wertvolles gegeben, auf das es jedoch keinen Ewigkeitsanspruch gab und gibt. Und es wächst die Bereitschaft zu erkennen: Mit allem, was zu Ende geht, öffnet sich Raum für Neues, das nun entstehen kann.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, wissen wir aus dem Stufengedicht von Hermann Hesse. Und die Erfahrung zeigt: Sich diesem Zauber zuzuwenden, macht Loslassen schließlich leichter.

Gefühle fragen – mit dem Verstand antworten

Obwohl es um Gefühle geht, treffen wir bewusst mit unserem Verstand die Entscheidung, wie wir über diese Gefühle denken. Wir können Sie als Verlust oder als Gewinn betrachten, als Verletzung oder als Bereicherung, als Ende oder als Neuanfang. Natürlich werden dadurch unangenehme Gefühle nicht plötzlich angenehm, aber wir ergänzen sie durch eine neue Perspektive, die das Unangenehme aushaltbar, ja hoffnungsvoll machen kann: eine Gewinn-Verlust-Rechnung:

Was gewinne ich, wenn ich am Alten festhalte? Was verliere ich, wenn ich das Alte festhalte?
Was gewinne ich, wenn ich die unangenehmen Gefühle zulasse? Oder verliere ich etwas?
Was gewinne ich, wenn ich loslasse? Was verliere ich?

Es hilft uns im Prozess, Antworten auf diese Fragen ganz ausführlich aufzuschreiben. Dabei entstehen weitere, angemessene Fragen und Perspektiven. Wir durchlaufen verschiedenste Stufen der inneren Auseinandersetzung – und genau DAS ist der Prozess des Loslassens. Wir stellen uns vor, was passieren könnte, schlimmstenfalls und bestenfalls. Wir nehmen verschiedene Möglichkeiten innerlich vorweg. Wir entdecken vielleicht auch, wie wir uns selbst im Weg stehen und was wir ändern müssen, um wieder offen für das Leben und frei für neue, angenehme Gefühle zu werden.

Sommer

Auch für mich ist Zeit zum Loslassen: Nächste Woche gehe ich wieder für zweieinhalb Monate nach Kanada und muss vieles hier zurücklassen, muss Menschen, Familie, meine Wohnung, liebe Gewohnheiten und Projekte für den Sommer loslassen. Es kommt Neues auf mich zu. Ich hoffe natürlich, vieles davon wird sehr angenehm sein.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Offenheit und Lebensfreude, besonders jetzt in diesem Sommer.

Herzlichst, Ihre
Konstanze Quirmbach

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