Umarmungen

„Wir brauchen vier Umarmungen am Tag zum Überleben.“
(Virginia Satir, 1916-1988, Mutter der Familientherapie)

Social Distancing ist immer noch vorgeschrieben und zwingt uns, Abstand zu halten. Körperlicher Kontakt ist für viele nicht möglich. Nur wer kleine Kinder hat, hat zumindest diesen einen Vorteil: Mangel an Umarmungen gibt es sicher nicht. Doch die erwachsenen Kinder leiden darunter, dass sie ihre alten Eltern nicht endlich wieder in die Arme nehmen können nach einer gefühlt viel zu langen Zeit der Abstinenz von Umarmungen. Das geht nicht nur mir so, das höre und lese ich überall.

gegen Berührungsmangel, für Umarmungen

© Tatjana Schlör

Gerade im Kontakt mit Freunden (endlich dürfen wir uns wieder treffen!) wird offenbar, wie zunehmend schwer es allen fällt, auf die Umarmung bei Begrüßung und Abschied zu verzichten und dieses Bedürfnis zurückzustellen: Es nicht zu tun. Sich ohne Umarmung zu begegnen. Fällt Ihnen das auch auf in Ihrem Freundeskreis und bei Ihrer Familie?

Überleben, Leben, Wachsen

Auch ohne entsprechende wissenschaftliche Belege hat Virginia Satir schon früh erkannt, dass herzliche Berührungen ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist, das gar nicht überschätzt werden kann. Sie hat es an der Anzahl von Umarmungen festgemacht:

„Wir brauchen vier Umarmungen am Tag zum Überleben, acht Umarmungen am Tag zum Leben und zwölf Umarmungen am Tag zum innerlichen Wachsen.“

Sich zu berühren ist ein enorm wichtiger Teil unserer Kommunikation miteinander. Ohne Zweifel kann das jeder aus eigener Erfahrung bestätigen. Und im Umgang mit Babys sind Berührungen – anfassen, massieren, festhalten – und direkter Hautkontakt sogar überlebenswichtig. Das Grundbedürfnis bleibt, solange wir leben. Je nachdem wie viel oder wie wenig ein Mensch als Kind an solchen Berührungen erfahren hat, prägt das seinen späteren Umgang mit Umarmungen und Nähe.

Die unbewussten Wirkungen bleiben verborgen. Leben wir glücklicher, weil wir oft umarmt werden und andere in den Arm nehmen? Sind wir selbstbewusster und wachsen wir innerlich, weil wir häufig Nähe und Zuspruch durch Umarmungen erfahren? Möglich und denkbar! Unser Körper ist ein ganzheitlicher Organismus. Herz, Hirn und Haut sind eng verwoben und miteinander verbunden. Die Haut ist unsere Grenze UND Verbindung zu anderen und zur Welt. Sie lässt uns spüren, dass wir da sind UND dass andere da sind

Hormoncocktail durch Umarmungen

Hormoncocktail durch Umarmungen

© Tatjana Schlör

Umarmungen, die erwünscht und ersehnt sind, lösen komplexe innere Prozesse aus und veranlassen unser Gehirn, Serotonin und Oxytocin auszuschütten: das Glückshormon und das Bindungshormon. Damit ist alles gesagt. Uns liebevoll und annehmend, freundschaftlich oder einfach freudvoll und freundlich zu umarmen, schafft und stärkt Vertrauen, stellt Bindung her und macht uns glücklich.

Ich möchte gerne glauben, dass auch eine Selbstumarmung etwas von dieser tiefen, positiven Wirkung auf das Gemüt hat. Es erscheint mir völlig naheliegend. Und es wäre so einfach, für sich selbst zu sorgen und dafür, dass Glücks- und Bindungshormone ausgeschüttet werden. Ist doch denkbar, oder? Ich weiß nicht, ob das bisher schon belegt ist, aber falls Sie es ausprobieren möchten, nehmen Sie sich doch jetzt einfach mal zwei Minuten Zeit für eine Selbstumarmung. Hier habe ich eine Anleitung für Sie gesprochen: Audio Selbstumarmung

Selbstberührung im Gesicht

Es hat mich fasziniert zu lesen, dass auch Selbstberührungen im komplexen und ganzheitlichen menschlichen Organismus eine überragend wichtige Rolle spielen. Gerade durch den Umgang mit dem Corona-Virus wurden wir hinreichend darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Selbstberührung im Gesicht unterlassen sollen. Das ist schwer! Wenn nicht sogar unmöglich, denn es geschieht intuitiv: Bis zu 800 Mal am Tag berühren wir unser Gesicht. Unglaublich, oder?

Warum berühren wir uns so häufig im Gesicht? Ganz einfach: Weil unser Bewegungsapparat so gesteuert ist und „weiß“, dass es für uns von Vorteil ist: Wir regulieren damit Emotionen. Emotionen, derer wir uns meist gar nicht bewusst sind (sich 800 Mal am Tag unterschiedlicher Emotionen bewusst zu sein, ist eben schlicht unmöglich).

„Sie freuen sich über etwas, oder sind erschrocken oder sind sehr traurig und ohne, dass Ihnen das selbst bewusst ist, berühren Sie Ihr eigenes Gesicht mit den Fingern“, sagt Martin Grunwald. Er ist Leiter des Haptik-Labors in Leipzig und hat sein Leben der Erforschung von Berührung verschrieben. Die feinen Nervenendungen in Fingern und Haut sind unmittelbar mit unserem Gefühlsleben (über Herz und Hirn) komplex verwoben. Es ist uns wichtig, wie sich etwas oder jemand anfühlt, weil wir das mit Wohlgefühl oder dem Gegenteil verbinden. Andere oder auch uns selbst zu berühren, löst Heilsames aus.

Die Island-Lösung

einen Baum umarmen

© Tatjana Schlör

Nicht nur in Island, sondern überall auf der Welt gehen wir wegen des Covid-19 Virus mit Berührungen und Umarmungen immer noch vorsichtig um. Eine Gesellschaft, die überaltert ist, zunehmend digitalisierte Kontakte fördert und in der mehr Menschen als je zuvor Singles sind, leidet auch ohne das Virus schon an einem akuten Berührungsmangel.

Doch Island hat seinen Bewohnern nun eine einfach umsetzbare Lösung vorgeschlagen. Wer etwas gegen Isolierung und Einsamkeit tun möchte, dem wird empfohlen, einfach mal öfter einen Baum zu umarmen. Für fünf Minuten innig die Nähe eines anderen „Lebewesens“ genießen. Das soll – so ergab eine Studie – den Menschen helfen, sich deutlich besser zu fühlen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele Umarmungen. Ob mit sich selbst oder mit Bäumen. Und mit viel Glück dürfen Sie vielleicht auch ab und zu einen Menschen innig umarmen.

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