Wert-volles Maß

„Wenn einer das rechte Maß überschreitet, kann ihm das Erfreulichste zum Unerfreulichsten werden.”
(Demokrit)

Wie versprochen, greife ich heute erneut das Thema des letzten Newsletters auf: Werte und ihre persönliche Bedeutung im Leben. Im Alltag zeigen sie sich oft in Verbindung mit Verhaltenszielen. Wir möchten ein Ziel erreichen, möchten uns so oder so (oder so nicht) verhalten, weil wir das für wertvoll halten. Und doch handeln wir noch lange nicht immer nach unseren eigenen Überzeugungen.

Zwischen zu viel und zu wenig

Könnten Sie die Frage beantworten, warum Sie wieder einmal zu lange vor der Flimmerkiste gesessen und dann auch noch zu wenig geschlafen haben? Warum Sie wider besseres Wissen und Wollen nicht gesund, sondern wieder zu viel Unsinn gegessen haben? Wissen Sie, warum Sie manchmal gerade die Menschen am schnellsten verletzen, die Sie doch eigentlich am meisten lieben? Oder warum Sie manchmal schlecht und abwertend mit sich selbst umgehen statt annehmend und selbststärkend? Kennen Sie das Zusammenspiel von Gedanken und Gefühlen, die Ihnen ein schlechtes Gewissen machen, weil Sie nicht immer das leben, was Sie sich vorgenommen haben?

– Nein? – Bzw. ja?
Wie auch immer: Sie sind nicht alleine damit.

Menschen sind menschlich. Und menschlich sein ähnelt einem lebenslangen Suchen, Schwanken, Streben, Erreichen, Zurückfallen, Wachsen. Einem Ausbalancieren zwischen zu viel und zu wenig. Weil es nicht funktioniert, sich einfach auf Werte festzulegen mit der Erwartung, nun könne man fortan glücklich danach leben. Nein, seine Werte zu leben, ist ein Prozess: Es gelingt mal besser und mal schlechter. Das macht auch Sinn, denn es hat den positiven Nebeneffekt, dass wir uns dieser Werte immer wieder neu versichern, sie justieren, sie vielleicht mit frischer Begeisterung neu oder sogar andere entdecken.

Wellenbewegungen

Bereits die Erwartung, es müsse möglich sein, stets vernunft-, wert- und willensgesteuert zu handeln, geht von falschen Voraussetzungen aus. Wir Menschen sind nicht so! Wir sind im Grundsatz instinkt-, bedürfnis- und gefühlsgesteuert durch überwiegend Nicht-Bewusstes.
Wellenbewegungen des Lebens
Der Mensch ist keine Maschine. Alles Mensch-Sein gleicht einer Wanderung durch Höhen und Tiefen. Mal erstürmen wir Gipfel und mal verirren wir uns in tiefen, unübersichtlichen Tälern. Wie die Natur selbst, unterliegen auch wir Menschen einem wellengleichen Rhythmus von Vorwärtskommen und Steckenbleiben, von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, vom Wechsel zwischen Kraft und Schwäche, von Entschlossenheit und (Selbst-)Zweifel, von Nähe und Distanz. Und so weiter. Und diesen Wellenbewegungen unterliegen damit auch unsere Werte und Ziele.

Im letzten Newsletter habe ich nachgefragt, welche Werte in Ihrem Leben eine Rolle spielen und wie Sie diese umsetzen. Die Antworten spiegeln ganz ähnliche Erfahrungen wie das, was ich hier gerade beschreibe. Doch lesen Sie selbst.

Leser-Erfahrungen:

Ich sehe meine Werte als das Fundament, auf dem ich mein Leben aufbaue.

Ich versuche das Motto zu leben: alles mit Liebe tun…

Dankbarkeit ist ein großes Geschenk, wenn ich sie vor allem in den kleinen Dingen des Lebens spüren darf.

„Bitte und Danke“ – „Geben und Nehmen“ Ergebnis: durch Geben reicher werden.

Dankbarkeit ist wie ein Fundament fürs Leben, eine wahre Kraft- und Energiequelle.

Ja, viele Werte lebe ich so gut wie jeden Tag. … Es ist ein ununterbrochenes Arbeiten an mir selbst, was mir nicht immer gelingt.

Ich habe sofort angefangen, Werte, die mich betreffen, in ein Buch zu schreiben.

Sinnhaftigkeit

Der Wunsch, sein Leben nach Werten (und Zielen) auszurichten heißt offenbar, sich selbst zu verorten und seinem Tun Sinn zu verleihen. Wir nähern uns dem eigenen Kern und definieren uns mit jedem Nachdenken über oder Handeln nach selbstgewählten Werten jedes Mal ein bisschen mehr.

Machen wir uns deutlich, dass wir teilweise sich widersprechende Werte verfolgen – und auch verfolgen müssen, um in Balance zu bleiben! Eine Leserin nennt ein gutes Beispiel dafür: Geben und Nehmen. Hier gilt, was Demokrit vor über 2000 Jahren schon formulierte: Das Erfreulichste kann zum Unerfreulichsten werden, wenn wir das rechte Maß nicht finden. Vielleicht kennen Sie das sogar aus eigener Erfahrung: Über das rechte Maß hinaus geben zu wollen, rächt sich in baldiger Kraftlosigkeit und es gilt früh genug zu spüren, wann Selbstfürsorge wichtiger wird.

Aber nur von anderen zu nehmen, bringt auch nichts Gutes. Abhängigkeit bzw. Überlegenheit kann entstehen und diese Einseitigkeit ist ein Feind ausgeglichener Beziehungen. Andererseits ist es auch wichtig, um Hilfe bitten oder Geschenke annehmen zu können, denn angemessenes Nehmen sorgt für Balance und schafft soziale Nähe und Augenhöhe.

Sich annehmen

Wie werden wir uns selbst, unseren Beziehungen und Lebens-Werten am besten gerecht? Ich bin überzeugt: Wer sich selbst gut spürt, hat auch gute Chancen, das rechte Maß für sich zu finden. Wer präsent und offen für die Erfordernisse des Augenblicks ist, findet angemessene Entscheidungen – und in einem sanften Pendeln zwischen unseren verschiedensten Werten finden wir uns schließlich selbst.

Ich kenne das gut als nahezu tägliche Aufgabe und Herausforderung: mich selbst als widersprüchlich anzunehmen. Als eine Person auf der Suche, die zwischen Werten pendelt, die ihre Mitte sucht und Sinn findet im Prozess des Lebens selbst.

In diesem Sinne: Werden wir nicht müde und lassen wir nicht nach, die Herausforderungen anzunehmen!

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