Der Einsiedler lässt seine Besucher in die Zisterne sehen. In dem stillstehenden Wasser erkennen sie sich selbst. „Das ist die Erfahrung der Stille.“, sagt der Einsiedler.

Heute ist der zweite Tag eines 3-Tage-Sesshins; eine Gruppe von 8 Übenden kommt der Achtsamkeit näher, die es zum Meditieren braucht. Meditieren ist das noch nicht, sagt unser Lehrer Nikolaus Einhorn. Schweigen und Sitzen. Ich nehme an diesem Kurz-Sesshin (Zen-Sitzen, Schweigen und Gehmeditationen) Teil, weil ich die „Erfahrung der Stille“ machen möchte. Ich stelle mir vor, dass mein Geist zur Ruhe kommt und wie ich dadurch inneren Raum gewinne für neue Einsichten; ich stelle mir weiter vor, dass ich es schaffe, alltägliche Gedanken und mein Gedankenkarussell hinter mir zu lassen und Zugang zu einer neuen, überraschenden Welt zu finden – ganz im Sinne der Worte Poliakoffs:

„STILLE IST NICHT BLOß ABWESENHEIT VON LÄRM, SONDERN EIN SCHWEIGEN,
DAS UNS AUGEN UND OHREN ÖFFNET FÜR EINE ANDERE WELT.“
(Serge Poliakoff, Russischer Maler, 1900 – 1969)

Die Realität heute ernüchtert mich. Meine Erwartungen werden herb enttäuscht. Wie gestern schon, am ersten Tag der Meditationspraxis, beschäftigt mich heute wieder überwiegend mein Körper. Von der Leichtigkeit des Geistes spüre ich noch nicht so viel :-(. Und wenn ich einmal relativ schmerzfrei und entspannt sitze, dann beginnen wieder herumschweifende Gedanken die „Zisterne“ zu trüben, dann will keine innere Stille einkehren. Immer wieder stört irgendein Gedanke den Prozess der Beruhigung. Mir wird deutlich, dass ich meine Erwartungen noch weiter reduzieren und gehen lassen muss. Meine Erfahrung lehrt mich gerade etwas sehr Wichtiges.

Meditation, Sesshin, Zazen

Ganz nebenbei wird mir meine Vermessenheit deutlich: Was hab ich denn eigentlich gedacht? Ein Tag mehrerer Meditationssitzungen würde genügen, die inneren Wellenbewegungen zu glätten und mich mein Spiegelbild sehen zu lassen? Ja, irgendwie muss ich gestehen, ich hatte die Hoffnung, so etwas könnte passieren. Wie naiv von mir!

Nun gut, der Prozess braucht länger, das sehe ich jetzt ein. Sich selbst zu begegnen in der Erfahrung der Stille geht nicht schnell. Es braucht mehr als einen Tag Sitzen. Es braucht länger. Es braucht nicht Stunden oder Tage, sondern die Gewohnheit des Sitzens. Rückblickend möchte ich sagen: Es ist mir heute gelungen, die innere Stille ansatzweise zu spüren und mit ihr in Berührung zu kommen. Das war schön und ich freue mich darüber. Diese Momente haben jedoch noch nicht annähernd ausgereicht, mich selbst zu sehen, wie es in dem Bild der Überlieferung, sein Spiegelbild in dem stillen Wasser der Zisterne zu erkennen, so klar benannt ist.

Die wenigen Momente innerer Stille, die ich heute erlebte, waren intensiv und erfüllend. Sie waren wie Leere und Fülle zugleich. Ich wollte sie festhalten, wollte mich dort einnisten, wollte sie einladen, länger zu bleiben, wenigstens so lange, bis ich mich ganz ruhig gefühlt hätte … Doch es waren nur kostbare, kurze Momente. Nichts von Dauer.

Mit dieser Erkenntnis und Einstellung gehe ich nun schlafen und bin erwartungsvoll, was die Praxis morgen bringen wird. Ich bin gefasst auf schmerzende Knie, bin bereit für die Auseinandersetzungen mit Hüfte und Schultern. Vor allem aber bin ich offen, die Stille zu empfangen und mich auf sie einzulassen.

Ich bin weiterhin neugierig und gespannt – und werde weiter berichten im nächsten und letzten Teil des Beitrags zur Erfahrung der Stille: Tag 3

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