Zu einem Einsiedler kamen eines Tages Menschen.
Sie fragten ihn: „Welchen Sinn siehst du in einem Leben der Stille?“

Er war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt.
Er überlegt und sprach: „Schaut in die Zisterne, was seht ihr?“

Die Besucher blickten in die Zisterne: „Wir sehen nichts“, sagten sie.

Nach einer Weile forderte der Einsiedler die Besucher erneut auf:
“Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?”“

Sie blickten hinunter und sagten: “Jetzt sehen wir uns selbst!”

Der Einsiedler sprach: “Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig
und ihr konntet nichts sehen. Jetzt ist das Wasser ruhig und ihr seht euch selbst.
Das ist die Erfahrung der Stille.”
(nach der „Weisung der Väter“)

…. Sitzen sitzen sitzen. Einatmen und Ausatmen. Die Gedanken loslassen und alle Aufmerksamkeit dem Körper schenken. Die Grundlage der Grundlage der Meditation ist zuerst der Körper, dann unser Atem, sagt der Leiter des 3-Tage Kurses, in dem wir schweigen und meditieren wollen. Ich mache mit, aus Neugierde und weil ich wissen will, ob ich in zwei Tagen des Schweigens mir selbst begegnen kann.

Das Vorhaben: Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag Zazen-Sitzen, Meditation, Schweigen. Essen zubereiten in der Stille, gemeines Essen ohne zu sprechen. Es ist für alles gesorgt, ohne dass viel Worte verloren werden müssen. Wir wollen uns alle deutlich herunterfahren, wollen das Gedankenkarussell hinter uns lassen, wollen innerlich zur Ruhe kommen.

Zazen im Westerwald

Zwischen 16 und 21 Uhr die Gruppe von acht Leuten aus Übenden. „Es gibt nur Anfänger“, sagt unser Lehrer, „allenfalls fortgeschrittene Anfänger.“ Wir wollen den Anfängergeist bewusst aufrecht erhalten und immer wieder nur zum Körper und zum Atem zurückkehren. Nicht mehr und nicht weniger.

Wir beginnen mit einer aufwärmenden Runde leichter Yoga-Übungen, die uns optimal auf die Körperintensität dessen vorbereiten, was noch kommen wird. Ahhhhhhhh – wunderbare Entspannung im Liegen, nur auf den Körper konzentrieren, von oben bis unten, anspannen, loslassen, wahrnehmen, wohlfühlen. Ein gelungener Auftakt. Danach folgt die erste Meditationsrunde: 20 Minuten sitzen. Die Klangschale stimmt uns angenehm ein, die Zeit läuft. Einatmen ausatmen. Den Körper wahrnehmen und weiteratmen.
Sehr schnell merke ich, dass ich die falsche Sitzhaltung gewählt habe und die Schmerzen beginnen nach und nach meine Gedanken zu bestimmen. Die Sitzhaltung wechseln macht so viel Lärm, ich entscheide mich dagegen. Ich atme in den Kopf, in die Arme, in den Bauch – aber meine Beine TUN SO WEH!!!! Nicht zum aushalten, gleich fall` ich um … Nein, ich falle nicht um, ich halte es aus. DAS IST DOCH DIE ÜBUNG! Nein, eigentlich ist Meditieren doch keine Folter! Wie lange denn nur noch????? Gleich fehlt mir sogar die Kraft, meine Beine überhaupt noch wahrzunehmen. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie lang 10 Minuten sein können!

Die Klangschale ertönt. Ich falle vornüber und denke etwas resigniert, dass diese Erfahrung der Stille mich nicht wirklich mir selbst näher gebracht hat. – Oder vielleicht doch? Wie nah kann ich mir und meinem Körper noch kommen? Wie deutlich kann ich mich dafür entscheiden, auch durch Schmerzen hindurchzuatmen und sie auszuhalten, mich in meinem Schmerz auszuhalten? So gesehen war es doch eine gute Erfahrung.
Und diese Erfahrung hat noch weitere Konsequenzen: Meine nächste Sitzhaltung wähle ich wesentlich überlegter aus. Ab sofort sitze ich entspannter, angenehmer, schmerzfrei(er). Die nächsten vier Sitzungen zwanzigminütiger Meditation kann ich genießen. Welch ein Luxus! Nur loslassen, Gedanken ziehen lassen, Körper und Atmung zusammenführen und nachspüren.

Müde und zufrieden gehen wir um 21Uhr auseinander. Die wirkliche Selbstbegegnung hatte ich heute noch nicht. Doch mein Geist ist ruhiger und vielleicht auch bereiter, sich morgen anstrengungslos einzulassen. Ich fühle mich auf einem guten Weg.

Lesen Sie hier weiter, wie das Experiment mit Stille und Meditation weitergeht und ob sich die Erfahrung des Einsiedlers bewahrheitet, dass Stille wie das unbewegte Wasser in der Lage ist, uns das eigene Spiegelbild vor Augen zu führen: Tag 2

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