Liebe und Hass

Die Weihnachtszeit konfrontiert uns mehr als andere Zeiten mit Liebe – mit der Fülle des Gefühls, aber auch mit den Auswirkungen seines Mangels.
„Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
‚Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.‘ „ – so endet Kurt Tucholskys (1890-1935) Gedicht Groß-Stadt-Weihnachten.

Die Illusion von Frieden holt uns immer wieder ein an Weihnachten. Und doch wissen wir, dass der Schein trügt. Hinter dem Glanz geschmückter Fenster treffen wir auch Einsamkeit, Sprachlosigkeit und Beziehungsarmut an. Gerade an Weihnachten, wenn wir so gerne eine harmonische Familie erleben möchten, schmerzt die bittere Erkenntnis, dass dies nicht zu erzwingen ist. Vor allem Kinder werden immer wieder zum Opfer der Lebensdramen ihrer Eltern. Kinder sind ohnmächtig ausgeliefert.

Wenn Bernd Ulrich seine Kindheitserinnerungen beschreibt, spüre ich innere Not, Verloren-Sein und Hilflosigkeit:

Hass üerfinden, Liebe findenKindheitserinnerungen

„Als Kind saß ich an Weihnachten oftmals da und malte Bilder von Panzern, die durch zerstörte brennende Städte fahren, und von Soldaten, die schießen. – Später dann, als ich mein Elternhaus längst verlassen hatte, vermied ich das Weihnachtsfest jahrelang. Ich ließ es ausfallen, blendete es aus, machte irgendetwas anderes, war depressiv und wieder froh, wenn der Zauber vorbei war.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind an Weihnachten immer am meisten enttäuscht war. Da wurde für mich spürbar, dass meine Herkunftsfamilie nicht aus Liebe und Fürsorge füreinander bestand, sondern dass sie auch durch Nachkriegswirren und gesellschaftliche Konventionen zufällig aufeinander getroffener Menschen bestand, die nie richtig zueinander gefunden hatten; weder meine Eltern (die heute geschieden sind), noch wir Kinder.

Das entlud sich immer an Weihnachten besonders. Es gab immer Zoff, und je öfter wir als Familie Weihnachten miteinander verbringen mussten, desto frustrierender war es. Das gipfelte dann Weihnachten 1978 darin (ich kam als 16-jähriger, kräftiger junger Mann gerade von meiner ersten langen Weltreise als Decksjunge von einem Frachtschiff zurück), dass mein Vater wieder auf mich losging und ich ihn mir vom Leibe gehalten habe. Ganz buchstäblich. Ich habe ihn festgehalten, wir wälzten uns vorm Tannenbaum und er konnte mir nicht mehr wehtun. Ich habe hysterisch gelacht. Es kam aus den Tiefen meiner Seele. Zehn Tage später habe ich die Ulrich-Familie dann für immer verlassen.“

Opfer werden zu Tätern und bringen neue Opfer hervor

Bernd Ulrich zeigt uns, was wir eigentlich nicht sehen wollen. Was hinter verschlossenen Türen geschieht, kann so ganz anders sein als das Klischee. Bernd hat sich mit seiner persönlichen Geschichte von Hass und Gewalt auseinandergesetzt und erkannte, wie von Generation zu Generation Opfer zu Tätern werden und neue Opfer hervorbringen, die wieder potentielle Täter sind. Er durchtrennte dieses zerstörerische Band, weil er den Mut hat, sich zu erinnern.

„Für mich als Vater eines vitalen, sehr powervollen kleinen dreieinhalbjährigen Sohnes heißt das, dass ich mich erinnere, wie es mir ging als Kind. Täglich gibt es viele Situationen und Herausforderungen so zu reagieren wie mein Vater, oder aber eben anders, mehr mir entsprechend.“

Schmerz überwinden – neue Gefühle finden

Bernd Ulrichs Geschichte hat mich tief berührt. Er überwindet den Schmerz der Vergangenheit, indem er sich ihm stellt und alte Erfahrungen als solche identifiziert und zulässt. Das ermöglicht es ihm, Ohnmachtsgefühle hinter sich zu lassen, sich selbst in der Gegenwart neu zu erspüren und dadurch Zugang zu neuen Gefühlen zu finden, die tiefer sitzen als der Hass und die darauf warten, befreit zu werden.

Ich stelle es mir schön vor, Kind in Bernd Ulrichs Familie zu sein. Ich danke ihm ausdrücklich für die Erlaubnis, seine Geschichte hier in meinem Blog erzählen zu dürfen. Wer sich für Pädagogik und Psychologie interessiert, wird auf seiner Website eine reiche Quelle an Informationen finden.

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