Achtsames Wahrnehmen von Sinneseindrücken bringt innere Saiten zum Klingen.

Welches Lied singt der Wind?
Welcher Duft hängt im Raum?
Wie „sehe“ ich mit meinen Fingerkuppen?
Wovon genau fühlt sich mein Blick angezogen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen wir unsere Aufmerksamkeit weniger nach außen richten, sondern vielmehr auf die innere Wirkung dessen, was wir erleben. Durch eine nach innen gerichtete Achtsamkeit erhält unser Erleben eine andere Tiefe, denn die Sinneseindrücke bleiben nicht an der Oberfläche. – Die Ergebnisse der Neurobiologie und Neurowissenschaften zeigen, dass Achtsamkeit und Meditation die Bildung neuronaler Verbindungen anregen. Wer achtsam ist, ist geistig aktiv, was für Flexibilität und Offenheit im Gehirn verantwortlich ist.

Achtsamkeit als innerer Beobachter
Bewusstheit. Achtsamkeit. Awareness. Mindfulness. – Ursprung in den Sanskrit Worten: Smrti – sarti. –
Diese Worte beschreiben mehr oder weniger alle, dass wir bemerken, was wir im gegenwärtigen Augenblick tun. Wir führen den Geist auf den jetzigen Augenblick zurück, sind im Hier und Jetzt. Diese Art von Bewusstheit ist ein Seins-Zustand: Wir sind dabei Akteure und Beobachter zugleich, Betroffene und Außenstehende. Mitten im Geschehen treten wir einen Schritt zurück, nehmen Abstand.

Aus der Vogelperspektive sieht unser innerer Beobachter sowohl Einzelheiten als auch Zusammenhänge, erkennt kleinste Gefühlsregungen und behält doch das Gesamte im Blick. Er führt uns das vor Augen, was ist – idealerweise ohne zu bewerten, was geschieht. Und wenn sich doch die innere Bewertungsinstanz meldet, kann der Beobachter sie zur Offenheit zwingen.

Bewusstes Erleben
Wie schmeckt ein Kuss? – Alleine die Frage zu stellen, führt zu einem bewussten und tieferen Erleben. Körper und Geist beginnen nach einer Antwort zu forschen: Geschmackssinne melden sich, Tastsinn der Lippen und Hautgefühl, Körperreaktionen – alle tragen etwas bei. Der Beobachter erkennt auch das darunterliegende Bauchgefühl, ob der Kuss gewollt ist oder nicht. Und dann fällt auf einer anderen Ebene die Entscheidung über weitere Reaktionen und nachfolgende Handlungen.

Achtsamkeit führt zu Bewusstheit.
Die eingangs gestellten Fragen beziehen sich darauf, wie wir mit unseren Sinnen die Welt erleben. Sie lassen sich durch präzises Beobachten, Nachspüren und Innehalten – also durch gezielt achtsame Wahrnehmung – beantworten. Wahrnehmung ist zunächst einmal komplex, selektiv und rasant schnell. Mit allen Kanälen scannen wir in Bruchteilen von Sekunden was geschieht, und handeln, wenn kein weiteres Bewusstseinslevel vorhanden ist, nahezu automatisch. Das ist der Normalfall.
Diesen „normalen“ Wahrnehmungsprozess verlangsamen wir durch Achtsamkeit. Wir achten auf Körpergefühle, Emotionen, Gedanken und Denkobjekte, betrachten bewusst, was in uns vorgeht. Wir lernen unsere innere Komplexität kennen und treten in Beziehung zu ihr. Was wir bemerken, hat eine Wirkung auf uns. Mehr und mehr erkennen wir uns selbst, wir treten immer wieder neu in einen vielseitigen Dialog mit uns selbst ein. Auf eine paradoxe Weise halten wir inne und sind wir doch bewusst aktiv.

Authentisch werden
„Werde, der Du bist.“ Das ist keine Zielbeschreibung, sondern ein lebenslanges Bedürfnis und ein Prozess, der nie zu Ende geht, so lange wir leben. Achtsamkeit ist ein Pfad, der von automatisiertem Verhalten wegführt, näher hin zu dem Ziel das zu sein, was wir wirklich sein wollen. Wir treffen Entscheidungen bewusster. Wir handeln, weil wir tatsächlich mit unseren Sinnen das Leben erfahren und nicht nur ein Programm im Kopf abspulen. Wir gestalten Leben in der Gegenwart zunehmend authentisch. Das meint Konfuzius, wenn er sagt: Der Weg ist das Ziel. Wir gewinnen Tiefe und Bewusstheit, erfahren mehr Muße und Lebensqualität, verstärken innere Ruhe und unser Gefühl von Identität.

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