Stellen Sie sich vor: Sie tun etwas, sind im Flow, genießen was Sie tun. Sie genießen es und mögen, was Sie tun. Es gefällt Ihnen, was dabei herauskommt, und Sie akzeptieren, was unter Umständen auch nicht dabei herauskommt. Stellen Sie sich vor, Ihr innerer Nörgler meldet sich einfach nicht zu Wort, er ist in Urlaub oder umgezogen, eingeschlafen oder abwesend.

Viele von uns kennen diesen Zustand kaum. Meistens führen wir einen inneren Dialog, bei dem wir nicht gerade freundlich mit uns umgehen. Häufig sind wir uns selbst die ärgsten Kritiker. Selbst wenn andere uns loben und anerkennen, glauben wir, nichts Außergewöhnliches geleistet zu haben, wir finden noch einen Fehler oder haben bestimmt irgendetwas auszusetzen. Das Gedankenkarussell dreht sich immer weiter.

Wir hören eine innere Stimme, die herumnörgelt und uns kritisiert: „Hey, meinst du nicht, du müsstest dich ein bisschen mehr anstrengen?“ – „So einfach und angenehm kannst du es dir aber nicht machen im Leben.“ – „Du bist doch nicht zum Spaß hier!“ – „Sei bloß nicht so selbstzufrieden, du kannst es noch besser machen.“ – „Was brauchst du denn so lang? Geht es nicht ein wenig schneller?“ – „Das ist doch nichts Besonders, was du da machst.“

Was die innere Stimme sagt, mag bei jedem anders sein. Die Ergebnisse ähneln sich jedoch: Der innere Nörgler verdirbt uns den Spaß und raubt uns gelegentlich den Seelenfrieden. Wir lassen uns verunsichern und klein machen, wir sehen unsere Grenzen deutlicher als unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie das Leben ohne diesen inneren Kritiker wäre? Wünschen Sie sich auch, die Stimme würde endlich schweigen, Bewertung, Kritik, Maßregelung und Bevormundung würden einmal aufhören und Sie wären frei davon?

Unser inneres Team

Ob wir wollen oder nicht – wir haben diese inneren Anteile in uns und sie üben Kontrolle über uns aus. Je mehr wir versuchen, eine Schattenseite zu ignorieren, umso massiver scheint sie uns einzuholen. Wir können sie nicht einfach abschaffen, sondern wir müssen sie als einen Teil unserer Persönlichkeit akzeptieren. Das spannende dabei ist: Gelingt es, die Schattenseite anzunehmen, beginnt sie friedlicher zu werden.
Innere Anteile sind nach Friedemann Schulz von Thun wie ein inneres Team. Alle wollen gehört werden, sie haben ihre Eitelkeiten und Verletzlichkeiten, und schließlich geht es darum, wer die Führung übernimmt. Die übernimmt häufig der strenge Kritiker mit seiner lauten Stimme, er übertönt die leiseren Teammitglieder.

Richard C. Schwartz hat ein Therapiemodell entwickelt, das das innere Team als eine innere Familie betrachtet, die lernen muss, mit mehr Respekt miteinander umzugehen. „Es kann Ihre kritische innere Stimme in eine unterstützende verwandeln und … hilft nicht nur dabei, den Lärm in Ihrem Kopf leiser werden zu lassen, sondern auch dabei, eine Atmosphäre von Licht und Frieden in Ihrem Inneren zu schaffen“ (aus: Das System der Inneren Familie).

Nimm den inneren Nörgler wahr

Ein erster Schritt hin zu größerer innerer Freiheit in diesem Sinne ist, den inneren Nörgler wahrzunehmen. Hören Sie hin, was er zu sagen hat! Das mag paradox klingen, betrachten wir die Sache aber genauer, wird verständlich, dass wir uns erst dann befreien können, wenn wir genau wissen, wovon wir uns befreien wollen. Wir wenden uns deshalb dem Kritiker in Kopf und Herz zunächst einmal vorsichtig zu und nehmen ihn ernst, damit wir ihn verstehen lernen. Versuchen wir nämlich ihn wegzuscheuchen wie eine lästige Fliege, wird er sich immer massiver melden.

Wir mögen es vielleicht nicht immer so sehen, aber unsere inneren Kritiker nehmen auch eine positive Funktion für uns wahr. Sie möchten uns vor Trägheit, Arroganz und Selbstzufriedenheit oder Selbstüberschätzung bewahren (um bei den oben genannten Beispielen zu bleiben). Leider wissen sie nicht immer, wann es angemessen ist, sich einzu schalten, und deshalb versuchen sie einfach so oft wie möglich die Oberhand zu gewinnen, selbst wenn es gar nicht nötig wäre. Und genau darüber – so erklärt Richard Schwartz – müssen wir mal mit diesen inneren Anteilen reden.

Auf diese Weise klären wir für uns selbst, wofür wir sie wann brauchen und wann wir sie nicht brauchen. Wie in einer richtigen Familie, fördert das Gespräch miteinander das Verständnis füreinander. Der innere Kritiker wird enorm entlastet wenn er weiß, dass seine Stimme in entscheidenen Situationen auch gehört wird. Auch er muss vertrauen können.

„Ich will sagen, dass ein Teil seine destruktiven Lasten ablegen und sich in etwas Wertvolles verwandeln kann, wenn Sie anders zu ihm in Beziehung treten.“, sagt Richard Schwartz. Ein tieferes Verständnis unserer eigenen Anteile und wie diese persönlichkeitshistorisch entstanden sind, verändert uns per se. Der innere Nörgler kann sich entspannen, wenn er weiß, dass er verstanden und respektiert wird.

In diesem Fall sind wir dann auch als Gesamtpersönlichkeit entspannter. Wir vertrauen uns selbst mehr, weil wir in größerem Einklang mit unserer inneren Familie beziehungsweise unserem inneren Team sind, und damit sind wir präsenter in unserem eigenen Leben.

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