gute Laune

SpiegelOnline hat am 1. Januar 2011 in der Rubrik Wissenschaft/Psychologie einen Beitrag der Journalistin Anna Gielas veröffentlicht: „Die Gefahren des Gute-Laune-Zwangs“. Sie schreibt darin unter anderem über „positives Denken“ und wie negativ es sein kann, ständig positiv sein zu wollen und in allen Situation einfach nur zu lächeln. Wenn Lächeln zum Zwang wird, macht es krank und es verliert seinen Sinn.

Polemik hilft nicht

Frau Gielas bezieht sich weiter auf Barbara Ehrenreichs neues Buch mit dem reißerischen Titel „Smile or Die – Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt.“ Das Wortspiel verbindet Lächeln mit Sterben und positives Denken mit Dummheit. Doch diese Polemik hilft den Menschen nicht. Sie wird vor allem nicht den komplexen Zusammenhängen unserer Psyche und Seele gerecht, sondern sie ist allenfalls geeignet, Menschen mit einer positiven Lebenshaltung zu verunsichern.

Müssen wir uns fragen, ob es einen „richtigen“ und einen „falschen“ Weg zu denken gibt? Lassen wir uns etwa für dumm verkaufen, wenn wir in der Krise die Chance suchen?

Anna Gielas erzählt die Geschichte einer Frau, die eine Krebsdiagnose erhält und daraufhin in ihrer Not versucht, durch positives Denken neuen Mut zu schöpfen. Der Versuch endet in Enttäuschung, denn sie glaubte, den Schock der Diagnose, daraus resultierende Ängste und Befürchtungen mit einem erzwungenen Lächeln und Alles-wird-wieder-gut-Gedanken übertünchen und die Krankheit zurückdrängen zu können. Das konnte nicht gelingen. Frustriert schiebt sie den Misserfolg auf „Ratschläge“, die sie sich in Büchern wie „The Secret“ und „Sorge Dich nicht, lebe“ geholt hat.

Es ist nur zu verständlich, dass sie an die einfache Botschaft glauben wollte, alles werde gut, wenn sie lächelt, dankbar und zuversichtlich ist. Daran hat sie ihre Hoffnungen gehängt, nur um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen. Aber ihre wahren Gefühle zu verdrängen, hat sich gerächt, denn Krankheit lässt sich nicht einfach weg-lächeln oder weg-denken.

Unangenehmes nicht ausblenden

Es ist meiner Meinung nach ein ebenfalls viel zu einfaches Konzept, den Umkehrschluss zu ziehen und zu sagen: Positives Denken macht dumm. Mein therapeutisches Verständnis eines „positiven“ Umgangs mit Krisen baut darauf auf, Unangenehmes nicht auszublenden, sondern es in den Mittelpunkt zu stellen. Es hat eine positive und heilsame Wirkung auf Körper und Geist, sich mit den eigenen Gefühlen zu konfrontieren, sich zu spüren und ernst zu nehmen. Krankheit löst Ängste aus und lässt uns unsere Endlichkeit erkennen – und genau darin treffen wir auch auf unsere Lebenslust: Wir wollen nicht einfach aus dem Leben gehen! Wir richten den Blick plötzlich intensiv auf Dinge, an denen wir hängen, auf Menschen, die wir nicht verlassen möchten, auf Lebensqualität, die wir wiedergewinnen wollen. Wir denken nach über das, was wir nicht loslassen möchten und auch darüber, was uns Leben bedeutet. Gerade dann, wenn wir mitten in negativen Gefühlen stecken, haben wir eine positive Lebenseinstellung nötig, denn sie gibt uns Hoffnung. Sie gibt uns Kraft zu tun, was notwendig ist, und uns zu verändern, soweit das hilfreich ist.

Das Starke baut auf dem Schwachen

Für mich schließt eine optimistische Haltung nicht Gefühle aus, die mit Krankheit, Misserfolg, Scheitern, Straucheln, Fehlern und Ängsten verbunden sind. Es besteht keine Polarität zwischen „negativen“ Gefühlen und „positivem“ Denken, ja, wir brauchen geradezu das sich ergänzende Nebeneinander. Nur wer Angst spürt, kann seinen Mut entdecken. Und wer Sorgen hat, sucht sich davon zu befreien. Erst in der Krise wenden wir uns bewusst dem positiven Denken zu, um dort neue Kraft zu finden, denn solange es uns gut geht, brauchen wir diese Krücke nicht.

Das Starke baut auf dem Schwachen, heißt es im Tao te Ching. Wir brauchen beides:

  • Trauen wir uns hinzusehen und erkennen wir unsere Not, Hilflosigkeit, Endlichkeit und unsere Grenzen an.
  • Trauen wir uns anzunehmen was ist, werden sich Hoffnung und Vertrauen entwickeln.
  • Trauen wir uns zu benennen, was uns belastet, können wir Veränderung wagen, wo es möglich ist.</li

Niemand sucht sich freiwillig den schwereren Weg. Wir hängen uns bereitwillig an die Hoffnung, der Schmerz möge leicht wegzudenken sein und es möge einfache Lösungen für unlösbare Probleme geben. Dass es leider meist keine einfachen Lösungen gibt, das lehrt uns das Leben von alleine. Dieser Wahrheit können wir nicht ausweichen und nicht davonlaufen.

Positiv zu denken und dem Schicksal mit einer mutigen Haltung zu begegnen, ist alles andere als dumm. Es ist schlicht und ergreifend menschlich. Und menschlich zu sein, das ist sehr positiv. Dieser Gedanke beruhigt und versöhnt mich ein wenig und ich wage wieder zu lächeln.


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