„Die einzig wirkliche Reise, das einzige Bad in der Quelle der Jugend wäre es, nicht fremde Welten zu besuchen, sondern andere Augen zu besitzen, das Universum durch die Augen eines anderen zu sehen…“ (Marcel Proust)
„Le seul véritable voyage, le seul bain de Jouvence, ce ne serait pas d’aller vers de nouveaux paysages, mais d’avoir d’autres yeux, de voir l’univers avec les yeux d’un autre …“

Marcel Proust beschreibt eine Reise, die wir innerlich antreten, wenn wir uns gestatten, in die Welt anderer einzutauchen. Wahrnehmung ist subjektiv – Unsere Welt wird so vielfältig wie die Perspektiven, die wir einnehmen können. Wir erweitern uns selbst um diese innere Erfahrung und erweitern damit unsere Möglichkeiten.

Sehen wir durch die Augen anderer, nehmen wir innerlich an ihrem Schicksal teil. In dem wir uns für eine Weile in deren Lage versetzen – oder ein paar Schritte in deren Schuhen gehen, wie ein englisches Sprichwort bildhaft sagt -, erfahren wir selbst eine neue Welt, erhalten Einblick in ein anderes „Universum“, um es mit Marcel Proust zu sagen. Wir finden Zugang zu Perspektiven, die uns bisher verborgen waren. Unsere Gefühle mischen sich mit dem vermuteten inneren Erleben einer anderen Person. Lösungen und Handlungsmuster, Fähigkeiten und Mut, Ideen und Wertvorstellungen einer anderen Person werden für uns zugänglich. Wir lernen von anderen.

Als Kinder lernen wir unbewusst, wir ahmen unsere Bezugspersonen – Eltern, Großeltern, Geschwister, Lehrer etc. – nach. Als Jugendliche differenzieren wir mehr, entscheiden uns bewusst für bestimmte Vorbilder: So wie unsere Idole möchten wir sein! Als Erwachsene schließlich streben wir nach Authentizität, aber wir hören deshalb nicht auf, von anderen zu lernen. Wir nehmen Mentoren an, bewundern andere Persönlichkeiten, suchen uns aus, was wir von wem lernen möchten. Wir kopieren erwünschtes, erfolgreiches Verhalten.
Von anderen Menschen zu lernen, ist ein Königsweg, denn in keinem anderen Fall ist Lernen so selbstbestimmt und persönlich bedeutsam wie in diesem. Wir sind ganzheitlich an dem Prozess beteiligt: Mitgefühl, Beobachtungsgabe, Wunschdenken, unsere persönlichen Zielvorstellungen, innere Werte, Selbstvertrauen und Selbstzweifel, Mut, Sehnsucht, Ehrgeiz, Vertrauen (zu uns selbst und zu anderen) – eine vielfältige Palette unserer gesamten Persönlichkeit ist an diesem Lernen beteiligt.

Mich begeistern Biographien interessanter Menschen. Ich tauche ein in ein Schicksal, das mich berührt, und sehe die Welt durch andere Augen, ich tauche ein in das „Universum“, das dieser andere Mensch ist – um später seine Welt mit einem erfrischten Geist zu verlassen. Ich durfte neue Perspektiven, neue Werte, neue Handlungsmuster, neue Ideen und neuen Mut erfahren. Der Einblick in die Geschichte einer anderen Person lässt mich ausschnittweise deren Schicksal mit-erleben und ich nehme viel davon mit.

Ich möchte eine Geschichte mit Ihnen teilen, die ich unter dem Titel „Mut machen“ vor ein paar Tagen in Spiegel online gelesen habe.

Am letzten Wochenende hat ein Mann den Ärmelkanal durchschwommen. Das alleine ist schon außergewöhnlich genug, kommt aber ab und zu vor. Doch dieses Mal war das Ereignis noch außergewöhnlicher: Der Schwimmer hat weder Arme noch Beine. – Unglaublich, nicht wahr?
Und es steckt ein unglaubliches Schicksal dahinter: Bei dem Versuch, die Antenne auf seinem Dach abzumontieren, wird der Franzose Philippe Croizon von zwei Stromschlägen getroffen. Die Folgen sind dramatisch, beide Arme und Beine müssen amputiert werden. Das Ende seines bisherigen Lebens ist besiegelt. Alles ist anders, innerhalb nur weniger Augenblicke.

Wir können nur erahnen, was Philippe Croizon innerlich durchgestanden hat, welcher innere Prozess zwischen dem Ereignis damals und dem Erfolg am letzten Wochenende liegt. Ein extremer Schicksalsschlag hat zu einer extremen Leistung geführt. – Wie hätten wir uns gefühlt? Was hätten wir getan? Hätten wir aufgegeben oder nicht? Wir verstehen die Botschaft, weil wir uns selbst in Bezug zu den Ereignissen setzen.

Philippe Croizon jedenfalls hat die Tür zu seiner Lebendigkeit nicht zugeschlagen. Zur Zeit seines Unfalls ist er 26 Jahre alt, und er entscheidet sich für das Leben. Für seine Kinder will er weiterleben, auch wenn nichts mehr so sein wird, wie es vorher war. Er hat nicht aufgegeben, hat ganz offenbar sein neues Leben gefunden – und kann damit allen anderen Mut machen.

Ich finde seinen Lebenswillen bewundernswert. Es ist gut zu wissen, dass es so starke Menschen gibt.

Kennen auch Sie Schicksale, die Ihnen Kraft geben?
Oft ist es nicht einmal das Außergewöhnliche, sondern „nur“ alltägliches Verhalten in unserem persönlichen Umfeld, das uns besonders beeindruckt und von dem wir lernen.
Vielleicht möchten Sie uns Teil haben lassen?

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