Sitzen. Einatmen. Ausatmen. Gehen. Schweigen. Sitzen. Einatmen. Ausatmen. Essen zubereiten. Atmen. Schweigend essen. Einatmen und ausatmen, das ist alles. Augenblick für Augenblick.

Tag 3 der Praxis.

Ich wache auf und fühle mich so schwer wie Blei. Jede Bewegung erfordert Willenskraft. Ich kann es kaum glauben: Habe ich etwa Muskelkater VOM SITZEN? Das beschämt mich etwas – im ersten Moment. Doch im zweiten Moment und im dritten und den darauf folgenden wundere ich mich dann doch nicht mehr so sehr. Genauer betrachtet wird mir klar, wie viel Muskelarbeit das Sitzen erfordert. Das Halten einer bestimmten Stellung und das Nicht-Bewegen des Körpers erfordert unerwartete Anstrengung, und zwar viel mehr, als man dies zunächst annehmen mag. – Offenbar braucht es sehr viel Anstrengung, denn auch am Ende dieses Tages bin ich so müde, als hätte mein Körper Schwerstarbeit geleistet. Vielleicht war es das auch … Ich muss schlafen und schlafen …

Doch langsam, eins nach dem anderen. Nochmal von vorn: Tag 3 der Praxis. Mein erstes Ziel heute ist es, eine Sitzhaltung zu finden, die ich mit immer weniger Anstrengung einnehmen und halten kann. Ich möchte mich nicht wieder zu viel mit meinem Körper beschäftigen. Heute, so wünsche ich mir, möge ich mich auch vor allem auf meine Gedanken konzentrieren können, auf das Atmen und auf mein inneres Erleben.
Und wirklich. Es ist erstaunlich, wie sich der Körper adaptiert. Die morgendliche Schwere weicht schon bald einer gefühlten Leichtigkeit. Das Sitzen erscheint mir heute bedeutend einfacher und natürlicher als gestern. Ich heiße das Gefühl willkommen, lasse geschehen, was geschieht.

Stille im meditieren

Einatmen. Ausatmen. Vielschichtig lagern sich Gedanken übereinander. Bilder mischen sich ein, lenken mich ab, bringen das Gedankenkarussell in Schwung. Allmählich gelingt es mir, mit ein paar kleinen, mentalen Tricks das innere Durcheinander zu ordnen. Nach ein paar weiteren Stunden folgt dieser Ordnung eine relative Ruhe. Und schließlich, wieder nach ein paar weiteren Stunden, gleite ich zunächst unbemerkt und fast wie selbstverständlich in Etwas hinein, für das ich im Moment kein Wort habe. Ich versuche, es zu beschreiben: Meine gefühlte innere Ruhe wird stiller und stiller; ich beobachte, gewinne Abstand, fühle mich nicht mehr hineingezogen. Atme.

„Wenn es gelingt, eine Atemsequenz lückenlos mit der Aufmerksamkeit zu begleiten und beides verschmelzen zu lassen, dann beginnt das Nicht-Denken.“ So ähnlich drückt es Nikolaus Einhorn, unser Lehrer, aus. „Lückenloses Beobachten des Atems“. Am Ende von Tag 3 überlagern sich alle Erfahrungen und ich beginne zu verstehen, was er mit diesen Worten sagen will. Um es gänzlich zu verstehen, um es zu erleben und um es vor allem mit in meinen Alltag zu nehmen, werde ich wohl noch viele Stunden und Tage sitzen müssen. – Nein. Nicht müssen. Es ist in erster Linie eine Frage der Neugierde und der Sehnsucht, so scheint mir. Und danach ist es auch eine Frage der Vernunft, denn – so sagen neueste Ergebnisse der Forschungen mit und über Meditation – wer meditiert, ist gesünder als andere, lebt länger und hat wesentlich mehr Freude dabei.

Diesen Beitrag schreibe ich einen Tag später, also am Tag 4. Ich bin wieder zu Hause, keine Gruppe, kein Lehrer. Ich suche noch nach dem richtigen Zeitpunkt, auch heute das Sitzen und Meditieren wieder aufzunehmen und ich merke: Es ist nicht die Suche, die mich hier weiterbringt. Es ist wie immer das Tun. Einfach anfangen. Hinsetzen und atmen.

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