oder: Trauer ist ein gutes Gefühl

Trauer bringen wir im Allgemeinen mit Tod und Trennung in Verbindung – ein Zusammenhang, zu dem „ein gutes Gefühl“ zunächst so gar nicht passen will. Die Trauer selbst ist ein Prozess. Er bewegt sich durch die verschiedensten Gefühle hindurch, verändert sich vom Schmerz des Abschieds zur Sehnsucht, zu Ungläubigkeit und Unwilligkeit zu akzeptieren, was geschehen ist, zeigt sich in Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Hoffnungslosigkeit, beinhaltet Wut sowie auch die Freude der schönen Erinnerungen, Sentimentalität und noch viele andere. Niemand sagt, es sei angenehm, diese Gefühle zu erleben und sie zu durchlaufen, doch jedes einzelne hat eine Funktion und hilft uns, den Abschied anzunehmen und das Ereignis in unser (Weiter-)Leben zu integrieren.

Trennung bringt Leid

Es liegt zunächst nahe, bei Trauer an den Tod eines Menschen zu denken; doch das Gefühl von Trauer begleitet auch viele andere Trennungen und Verluste, die wir im Leben erleiden. Immer wenn es darum geht, Abschied zu nehmen von etwas, das uns begleitet oder geprägt hat, das zu uns gehörte und uns wichtig war. Dabei spielt es keine Rolle, ob es unsere eigene Entscheidung war, uns zu trennen, oder ob das Schicksal uns dazu zwingt. In jedem Fall verursacht dieses Loslassen Gefühle von Trauer und Leid.

Es findet ein innerlicher Ablösungsprozess statt: Ein Teil von uns will noch am Alten festhalten; wir geben nicht gerne auf, was uns lange begleitet hat. Doch ein anderer Teil in uns weiß, dass es natürlich und auch notwendig ist, weiterzugehen und nicht stehenzubleiben. Unser Leben geht weiter, auch mit der Veränderung. Die Zeit läuft gnadenlos, sie bewertet nicht und kennt keine Anteilnahme, verstreicht unbeirrt und gleichgültig allen Ereignissen gegenüber.

Willkommen allen Tränen!

„Trennung und Verlust lösen Schmerzen aus. Diese Schmerzen werden durch Tränen ertragbar und lösen sich mit Tränen langsam auf. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass in der Tränenflüssigkeit Stresshormone gespeichert sind und diese mit dem Weinen abtransportiert werden. Deshalb haben wir nach dem Weinen oft das Gefühl der Erleichterung und Entspannung. Weinen und Loslassen sind eins und helfen uns, zu trauern und wieder neu anzufangen.“ (Hartmut Kramme, Psychotherapeut) Das geht nicht ohne Tapferkeit, nicht ohne Mut und Entschiedenheit. Und offenbar geht es auch nicht ohne Weinen, was häufig unterschätzt wird.

Damit Trauer und Schmerz uns wirklich berühren, müssen wir unser Ego aufgeben und die Fassung verlieren. Es ist notwendig, einen gewissen Kontrollverlust zuzulassen, uns unseren Gefühlen der Trauer zu überlassen und uns dem Weinen anzuvertrauen. Mit den Tränen kommt etwas in Fluss. Es macht Sinn, sich dem zu ergeben und der Trauer allen Platz zu geben, den sie braucht. Dann kann innere Heilung beginnen, Versöhnung und Akzeptanz können wachsen, das Unabänderliche lässt sich integrieren und Wandlung findet statt. „Nur die Emotion der Trauer,“ schreibt Hartmut Kramme weiter, „das Weinen und das Loslassen bewirken Wandlung, lassen uns wirklich Abschied nehmen und machen uns bereit für neue Lebensumstände, neue Lebensperspektiven und neue Beziehungen.“

Trauerphasen nach Verena Kast

1970 stellte die Psychologin ein Trauermodell in 4 Phasen vor. Sie nimmt Bezug auf die Beobachtung Trauernder und ihrer Träume sowie auf die Modelle von Elisabeth Kübler-Ross und John Bowlby:

  1. Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens
    paralysiert, Verlust wird verleugnet, kann nicht realisiert werden, man fühlt sich „wie tot“
  2. Phase der aufbrechenden Emotionen
    Wut, Angst, Zorn, Schmerz, Depression, Schuld und viele andere Emotionen mischen sich – Stimmungslabilität
  3. Phase des Suchens und Sich-Trennens
    bewusstes Erinnern, Zuwendung zur Realität, neue Möglichkeiten in Betracht ziehen, Verlust akzeptieren
  4. Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges
    positives Integrieren, neue Beziehung zu sich und der Welt entwickeln, neue Lebensmuster ausprobieren

(Verena Kast, Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses)

Jedem Abschied wohnt ein Anfang inne

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Lebensstufen“. Wir nehmen Stufe um Stufe im Leben und immer wieder heißt es, sich zu trennen, Abschied zu nehmen, etwas hinter sich zu lassen, sich abzunabeln. Altes loslassen und sich Neuem zuwenden. Wachstum heißt Weitergehen und dabei bleibt zwangsläufig manches zurück. Alles hat seine Zeit. Und je besser wir uns verabschieden, umso eher kann unser Herz wieder von der Trauer gesunden.

Verlust, Abschied und Trauer sind letztlich immer mit neuen Lebensperspektiven verbunden. Nach einer Zeit innerer Gegenwehr folgt Einsicht. Dann erkennen wir das Unabänderliche und sind auf einem guten Weg, inneren Frieden zu schließen und trotz des Leids wieder zu hoffnungsvollen Perspektiven unseres Lebens zurückzufinden. Wenn wir Dinge nicht ändern können, bleibt uns keine andere Wahl, als die Lebensereignisse anzuerkennen und das Schicksal zu respektieren.

Leben ist ein Geschenk

Wir haben keine Kontrolle darüber, was wir bekommen oder was uns genommen wird. Doch es steht in unserer Macht zu entscheiden, welche Richtung wir unserem Leben geben, welche Gedanken wir denken und an welchen Gefühlen wir anhaften. Es hilft, sich deutlich zu machen, dass es auch im Leid immer Menschlichkeit und Freude zu entdecken gibt. Die Voraussetzung ist, dass wir danach suchen, dass wir Dankbarkeit spüren und nicht verlernen, demütig zu sein. Wenn wir Verlust erleiden, ist Trauer ein wichtiger Begleiter auf dem Weg zu innerem Frieden – und weil das so ist, können wir der Trauer in diesem Zusammenhang die Bezeichnung „gutes Gefühl“ verleihen.

Hermann Hesse findet Worte, die Hoffnung vermitteln und Mut machen:

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginn, um sich in Tapferkeit und mit und ohne Trauer in neue Bindungen zu geben. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben!“ (Lebensstufen, Hermann Hesse)

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