autonomie und freundschaft

Am vergangenen Sonntag habe ich meinen Sohn besucht. Und seine Familie natürlich. Wir haben am Tisch gesessen und Kaffee getrunken, geplaudert über dies und das, ganz locker und ohne Absicht oder Ziel. Es war einfach nur schön, zusammenzusitzen – und da wurde mir bewusst, wie gerade dieses unverbindliche Zusammensein große Tiefe und Bedeutung für mich hat.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich in dem Blogbeitrag mit dem Titel Tun, was glücklich macht Folgendes geschrieben:

Die Positive Psychologie gibt ganz konkrete Hilfestellung in Bezug auf die persönliche Lebensführung, gewonnen aus der Befragung und Beobachtung von Menschen, die nach eigenen Angaben ein erfülltes und glückliches Leben führen.
Die folgenden Gewohnheiten und Lebenseinstellungen gehören dazu:
… gute Beziehungen pflegen
… häufiger den gegenwärtigen Moment einfach genießen

Genau das war gerade passiert und wirkte also auf hintergründige Weise positiv auf alle Beteiligten. Das wurde mir später bewusst. Und etwas anderes wurde mir auch noch bewusst:
Meine Enkelkinder entwickeln und zeigen ihre Werte und tragen diese auf ihre persönliche eigene Weise in die Welt. Und ich gestehe gerne ein, dass mich das stolz und glücklich macht – wen wundert’s? Denn eine weitere Gewohnheit trägt zu einem erfüllten Leben bei:
… eigene Werte kennen und weitergeben, z.B. an Kinder, Freunde, Enkel …

Freundschaft

Meine Enkelin, 11 Jahre alt, hatte eine Freundin zu Besuch. Es dauerte nicht lange und die beiden verließen den Tisch, tanzten durchs Zimmer – in versucht synchronen Bewegungen natürlich – und kicherten und redeten so ziemlich ohne Pause. Wie es oft ist in diesem Alter: Die beiden sind gerade unzertrennliche beste Freundinnen.

beste FreundinnenAuch ich habe schon viele Jahre lang eine beste Freundin. Nicht mehr aus der Schulzeit, aber aus der Studentenzeit. Wir hatten uns nach Abschluss des Studiums aus den Augen verloren. Doch nachdem wir uns ca. 20 Jahre später übers Internet wiedergefunden hatten, wurden wir erneut zu unzertrennlichen Freundinnen.

Es fühlt sich gut an zu sehen, wie sich manche Dinge wiederholen. Ich kann meiner Enkelin das Glück nachempfinden, das es bedeutet, Freundschaft zu erfahren. Sie lernt dabei eine Menge über zwischenmenschliche Werte und kann sich Fragen annähern wie: Was unterscheidet eine Freundschaft von anderen, eher losen Beziehungen? Welche Qualitäten brauche ich, wenn ich eine gute Freundin sein will? Was erwarte ich selbst? Von mir und von meiner Freundin?

Dass enge Bindungen immer auch eine Kehrseite haben, wird sie sicherlich ebenfalls lernen müssen, z.B. durch kleine Enttäuschungen; ein Verhalten könnte sie kränken, eifersüchtig machen oder ein Gefühl von Nichtbeachtung in ihr auslösen. Unangenehme Gefühle gehören dazu, auch das ist eine wichtige Erfahrung. Sie wird ihren Weg finden, damit umzugehen – diese Gefühle auszusprechen oder zu verdrängen, Freundschaft zu vertiefen oder zu lösen. Was Freundschaft ausmacht und was sie im Leben bedeutet, wird sie für sich selbst neu definieren.

Autonomie

Mein Enkel, 13 Jahre alt, kennt gut die Probleme eines pubertierenden Jungen. Seine Suche nach sich selbst, danach seinen eigenen Platz zu finden und diesen zu behaupten vor den Klassenkameraden, gerät schon mal leicht in Widerspruch zu den Vorstellungen, die seine Lehrer von seinem Platz und seiner Rolle haben.

Streben nach persönlicher Autonomie Er ist damit bei weitem nicht alleine. Viele Generationen vor ihm – und wohl auch nach ihm – tragen diese Konflikte auf dem Weg in die Adoleszenz aus. Die jungen Menschen, die einen besonders großen Drang nach Selbstbestimmung haben, leiden ohne Frage mehr als die anpassungsfähigeren. Mein Enkel gehört zu den ersteren. Doch ich finde, er schlägt sich mit Bravour, trotz der Wunden, die er immer wieder davonträgt.
Das Streben nach persönlicher Autonomie wirkt auf andere Menschen oft ablehnend. Dabei hat es gar nichts mit anderen zu tun, sondern nur mit dem eigenen Bedürfnis nach Freiheit. Das ist häufig nicht so eindeutig, denn wer sich Freiheiten nimmt, verletzt nicht selten einen Raum, den andere als ihr Bestimmungs-Revier betrachten. Es ist und bleibt ein ewiger Kampf zwischen Selbstbestimmung und Anpassung.

Es ist eine Lebensaufgabe, das rechte Maß zu finden. Hier weiß ich genau, wovon ich spreche! Meine beste Freundin (ja, Omas haben auch so etwas!) wird nicht müde, mit mir stets aufs Neue Grenzen auszuloten – und so wächst unsere Freundschaft oft unbeabsichtigt an meinem oder ihrem Autonomiebestreben. Vielleicht lernen meine Enkelkinder ja in dieser Hinsicht noch etwas von mir; ich bin auf jeden Fall dankbar, dass ich von ihnen lernen darf, indem Sie mir Werte spiegeln und vorleben.

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