Vergangenes

Die Vergangenheit ist vergangen …

… und doch holt uns das Erlebte in der Gegenwart immer wieder ein. Rein zeitlich liegt das Erlebte zwar hinter uns, doch im Gehirn herrschen andere Gesetze. Dort kann Vergangenheit (oder auch Zukunft) völlig gegenwärtig erlebt werden. Es reicht aus, an ein Ereignis zu denken oder es uns lebhaft in Bildern vorzustellen, und das Ereignis wird innerlich sofort wieder mit allen Sinnen deutlich erlebbar.
Dabei gelingt es dem Gehirn, die Realität auszublenden, sie in den Hintergrund zu schieben und nicht mehr deutlich wahrzunehmen. Nicht selten ist uns bei solchen Zeitreisen die Vergangenheit präsenter als das Hier und Jetzt.

Will ich diese Fähigkeit bewerten, dann zeigt sich: Sie hat zwei Seiten. Das kann uns das Leben verschönern oder es uns schwerer machen.

Eine schöne Seite

Angenehme Erinnerungen sind etwas Wunderbares. Rufen wir sie wach, können wir uns mit allem Schönen wieder verbinden und es erneut nachempfinden. Die Erinnerung an Vergangenes kann beflügeln, Mut machen oder Vertrauen schenken. Das ist eine starke Quelle innerer Kraft. Manchmal ruft ein Wort, ein Blick, ein Gefühl, ein Geräusch, ein einziger Faktor die gesamte Erinnerung hervor und lässt sie lebendig werden: Das Erholungsgefühl des letzten Urlaubs, die Faszination der Milchstraße, die Eindrücke einer Fahrradfahrt am Bach entlang im kühlen Sommerwald, die Freude der letzten Feier mit Freunden – alles ist da und das tut gut.

Eine schwerere Seite

Dagegen beschwert es uns, Unangenehmes zu erinnern und keine Kontrolle darüber zu haben. Auch diese Gefühle sind so echt und wirklich, dass sie Schweißausbrüche verursachen können, die Muskeln verspannen, den ganzen Ausdruck verändern und Angst aufkommt – ganz so, als wären wir mitten drin in dem Erlebnis der Vergangenheit. Alles ist da und das tut jetzt gar nicht gut.

Oder noch eine andere Version: Die Erinnerung fehlt ganz. Das Erlebnis haben wir verdrängt, tief vergraben in uns, nahezu unauffindbar gemacht – irgendwie erinnern wir es gar nicht mehr. Es entzieht sich völlig unserem Bewusstsein und wirkt nun aus der Verdrängung heraus weiter.
So könnte es vorkommen, dass wir uns manchmal selbst nicht verstehen. „Etwas“ scheint das Steuer zu übernehmen und uns etwas sagen oder tun lassen (oder es eben gerade nicht tun lassen!). Was wir tun, empfinden wir nicht als zu uns gehörig. Es fühlt sich „fremd“ an, wir ärgern uns darüber oder lehnen uns vielleicht selbst ab, hadern und zweifeln an uns.

Wie vergangen ist also die Vergangenheit wirklich?

Jeder Mensch ist im Hier und Jetzt immer die Summe aller vergangenen Erlebnisse und Erfahrungen. Der schönen und auch der schweren. Beide gehören zu uns und tragen dazu bei, wie wir uns entwickeln. Und doch bestimmt die Erfahrung nicht, wie wir unsere Gegenwart gestalten. Wir haben immer den Spielraum, zu entscheiden und das Leben frei zu gestalten.

  • Eine schöne Erinnerung steigt auf? – Ich entscheide, wie viel Zeit ich jetzt noch einmal mit ihr verbringe, wie sehr ich sie genieße, nachempfinde, sie mir ausmale und sie vielleicht noch schöner und intensiver werden lasse. Was sich gut anfühlt, das nehme ich mir.
  • Eine schwere Erinnerung steigt auf? – Ich entscheide, welche Aufmerksamkeit ich welchem Gefühl gebe. Die Erinnerung gehört zu mir, ist Teil meiner Vergangenheit, doch jetzt bin ich in einer anderen Situation und kann mit Abstand nach hinten schauen. Ich entscheide mich, jetzt gut für mich zu sorgen.

Du bist nicht deine Vergangenheit

Wir sind nicht das, was wir erlebt haben, es macht uns nicht alleine aus. Jeder Mensch ist viel mehr als die Summer seiner Erfahrungen und jedes Erlebnis – ob angenehm oder unangenehm – ist nur eine von vielen Facetten, die uns als Ganzes ausmachen. Was gewesen ist, macht uns reich, individuell, einzigartig, weise. Wir lernen immer besser, das Leben auf unsere ganz eigene Art zu nehmen und zu gestalten.

Der Mensch ist viel mehr als die Summer seiner vergangenen Erfahrungen. Klicken Sie um zu Tweeten

Die Integration der Vergangenheit ist eine Lebensaufgabe. Es erfordert von uns den Mut, zu uns selbst zu stehen mit all unseren Bedürfnissen und Gefühlen. Und wenn uns unangenehme Erinnerungen einholen, könne wir im Hier und Jetzt entscheiden, wie wir damit umgehen, wie wir darüber denken wollen. Dann machen wir unsere eigenen Erfahrungen zu einer Quelle unserer Weiterentwicklung. Zum Beispiel durch Fragen wie:

  • Wie kann mir diese Erinnerung helfen?
  • Welche Gefühle löst sie in mir aus?
  • Wie gelingt es mir, zu diesen Gefühlen zu stehen und sie anzunehmen?
  • Übernehme ich Verantwortung für das, was ich tue, empfinde, denke?
  • Worauf lasse ich mich ein und worauf nicht?
  • Treffe ich im Hier und Jetzt Entscheidungen, die mir gut tun?

Ein Tanz

Als wolle uns die Vergangenheit immer wieder zum Tanz herausfordern … Auf dem Tanzboden der Selbstverantwortlichkeit finden wilde und leise, chaotische oder gepflegte, erschöpfende und erbauende Tänze zwischen Vergangenheit und Gegenwart statt. Wir führen und werden geführt. Sind aktiv oder passiv. Wir bestimmen die Tanzschritte und finden so früher oder später den Rhythmus zu unserer Lebensmusik.

der Tanzboden der Selbstverantwortlichkeit

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