Persönliche Entwicklung durch Kon-ZEN-tration

Selbsterkenntnis, die Wiege der Philosophie. Der Erkennende konstruiert das Erkannte, sagt Kant. In dem Maße, wie sich der Mensch selbst erkennt, formt er seine Persönlichkeit und wie er sich schließlich selbst versteht, so sieht und interpretiert er auch die Welt, in der er lebt.

Die Worte wurden auf einer Säule der Vorhalle des Apollon-Tempels zu Delphi in Stein gemeißelt. Wer durch die Pforten des Tempels hindurchging hoffte, im Orakel Hilfe durch die Götter zu finden. Ihre Kraft und ihre Weisheit sollten ihm den Weg weisen, ihm Sicherheit geben, sein Vertrauen stärken.

Erkenne Dich selbst – wagen wir heute den Schritt durch dieses Tor zum Selbst, warten ebenfalls Kraft und Weisheit auf uns. Wir werden das in uns selbst finden, was kein anderer uns schenken oder voraussagen kann. Wir erleben und erkennen uns im inneren Dialog. Einzig die Begegnung mit uns selbst kann uns auf den Pfad zum Land unserer Träume führen.

Zu glauben, so ließe sich der Himmel auf Erden gewinnen, ist sicher zu viel erwartet. Das Leben wartet mit einer unerschöpflichen Vielfalt auf, die voller Gegensätze steckt, die wir nicht verstehen – trotz aller Suche nach Erkenntnis. Und so neigen wir dazu, die Welt in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen. Von diesem Gegensatzpaar ist nahezu alles Denken und Handeln bestimmt. Nicht selten dient uns das Gute (zu finden in Gesetz, Göttlichem Willen, der Wahrheit etc.) als Rechtfertigung, das „Schlechte“ – wenn nötig mit Gewalt – zu beseitigen. Ein Teufelskreis. Im Kleinsten wie im Großen.

Wagen wir uns in den Tempel der Selbsterkenntnis, werden uns Gegensätze in uns selbst bewusst, die wir ebenfalls häufig nicht verstehen, aber dennoch bewerten: Nur ungern entdecken wir Persönlichkeitsanteile, die uns in Schwierigkeiten bringen. Sie erscheinen uns „schlecht“, wir wollen sie nicht! Lieber sehen wir andere Anteile, die wir „gut“ heißen können.
Auf dem Pfad zu uns selbst werden wir daher vor allem eines brauchen: den Mut, die Widersprüchlichkeit der eigenen Gefühle und Gedanken auszuhalten. Innere Balance ist NICHT durch Beseitigung des mutmaßlich „Schlechten“ zu finden. Unter den Teppich zu kehren, was wir nicht ansehen wollen, beseitigt nicht das Problem. Gefühle zu leugnen, weil sie uns im Weg sind, lässt sie nicht einfach verschwinden. Im Gegenteil: Wir werden unzufrieden, können uns selbst und andere zunehmend nicht mehr leiden und werden schließlich krank.

Unsere ungeliebten Anteile werden uns auf dem Weg zur Selbsterkenntnis immer wieder begegnen. Wir können sie nicht einfach weg-machen. Das wirft die Fragen auf: Wie lässt sich der Weg gemeinsam mit ihnen fortsetzen? Wie sollen wir mit ihnen umgehen?

Beginnen wir mit einer annehmenden Korrespondenz nach innen:

1. Wir erkennen die Existenz der abgelehnten Anteile in uns an. Sie gehören zu uns, sind auch ein Teil unserer Persönlichkeit.

2. Wir interessieren uns aufrichtig für sie und lernen sie besser kennen: Welche Gefühle lösen sie in uns aus? Warum sind sie da? Welche Funktionen übernehmen sie jeweils für uns? Wo kommen sie her? Wie lassen sie uns die Welt verstehen?

3. Wir geben ihnen Raum, ohne ihnen Recht zu geben. Sie haben unbestritten Gewicht – auf einer Seite der Waagschale. Um inneres Gleichgewicht zu finden, bieten wir im inneren Dialog alles an: Verständnis, Klarheit, Loslassen, Grenzen, Geduld, Ehrlichkeit, Standfestigkeit, Verzeihen. Alles, was hilft, unserer Mitte zu finden.

Ein Tempel bietet Raum für Stille. Dort entsteht eine Atmosphäre, die innere Ruhe begünstigt:
Sich sammeln. Gedanken. Gefühle. Verwirrung. Körper. Schmerz. Klärung. Alles. Nichts. Atem. – Sind wir so bei uns, können wir uns möglicherweise als Ganzes wahrnehmen.

In mir entsteht ein Bild: Die Stille liegt vor mir wie ein bleierner Ozean. Die glatte Oberfläche reflektiert das Sonnenlicht wie einen goldenen Weg, auf dem mein Blick ins verheißungsvoll Unendliche über den Horizont hinaus gelockt wird. Die dunkle Tiefe unter mir fühlt sich nicht beängstigend an, sondern tragend.

In meditativen Momenten existieren Dunkel und Licht in Harmonie und mühelos miteinander. Das ist eine Erfahrung, die uns sicherer macht und wachsen lässt. Wir nehmen die Gewissheit mit, dass die gegensätzlichsten Dinge nebeneinander in uns sein dürfen und bestehen können. Mit etwas innerem Abstand ist es einfacher, alle unsere Anteile zu sehen, und gleichzeitig freier von ihnen zu sein.

Übungen zur Selbstwahrnehmung brauchen Stille: unbewegliches Sitzen, meditatives Spüren. In diesem Zustand kann der Gedankenstrom unkommentiert vorbeiziehen, darf der Strudel der Gefühle ohne Bewertung sein, können widersprüchliche Impulse kommen und gehen. Ohne dass wir sie zu bewerten brauchen, findet innere Auseinandersetzung statt. Zunächst ist die äußere Stille das Modell: Körperlich sind wir schon dort, wo der Geist noch hin will. Geben wir ihm Zeit. Geben wir uns Zeit.

Wege zur Selbsterforschung und Selbstwahrnehmung habe ich in der Gestalttherapie kennengelernt. Der Gründer, Fritz Perls, hat die Gestalttherapie als KonZENtrations-Therapie verstanden:
– ZEN heißt meditatives Beobachten des eigenen Atems, wobei es das Ziel ist, das „Geschnatter“ („Chattering mind“) der Gedanken zum Stillstand zu bringen.

– Konzentration schult zielgerichtete Achtsamkeit in der Selbstwahrnehmung: Gedanken, Gefühle, Prozesse und Körpergefühle, die damit in Zusammenhang stehen, nehmen wir durch spürende Beobachtung immer genauer wahr.

Mit jeder Konzentrations-Übung, die wir nach innen richten, gewinnen wir Erkenntnis. Mit jedem Mal geschieht etwas Unerwartetes, Neues. Auch wenn dies zunächst nicht in handfesten Ergebnissen fassbar sein mag, stellt sich Veränderung ein: Wir lernen, uns für den Moment so zu lassen, wie wir uns wahrnehmen. Wir lernen, nicht so schnell zu urteilen. Wir lernen, bei dem zu bleiben, was gerade ist. Wir lernen auszuhalten. Wir lernen, dass alles da sein darf und alles vorübergeht. Im Ergebnis gewinnen wir größeren Handlungsspielraum.

Gnothi seauton – Selbsterkenntnis ist der Pfad und das Ziel. Er lehrt uns das, was wir auf dem Weg lernen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir haben ein Leben lang Zeit, immer wieder ein Stück weiter zu gehen und unsere Persönlichkeit zu entwickeln, in unserem Tempo.

Der Beitrag gefällt Ihnen? Gerne dürfen Sie den Text kopieren und mit Angabe der Quelle – Name des Blogs und Verlinkung zu diesem Beitrag – in Ihrem Blog veröffentlichen.
Oder einfach den Beitrag tweeten/retweeten. Danke.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.