„Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“

So drückt Arnold Beisser (1925-1991), ein einflussreicher amerikanischer Psychiater und Gestalttherapeut, sein Verständnis dessen aus, wie sich der Mensch selbst verwirklichen kann. Die angestrebte Veränderung muss sich an dem orientieren, was in dem einzelnen Menschen angelegt ist und nicht an einer von außen festgelegten Ordnung, die uns vorschreiben will, wie wir sein sollen. Selbstbestimmung fängt genau dort an, wo ich eine Wahl treffe und mich für meinen eigenen Weg entscheiden kann. Während eine sich schnell verändernde Welt wenig Konstanz bietet, kann der Mensch Stabilität in sich selbst finden, wenn er lernt, sich selbst zu vertrauen. Auf der Suche nach seinem Wesen kann er in seinen Werten, seinem Vertrauen, seiner Haltung gegenüber der Welt und in liebevoller Mitmenschlichkeit sich selbst begegnen.

Das Paradox der Veränderung

Wir sprechen vom Paradox der Veränderung: Das zu werden, was man bereits ist. – Gelingt es, sich zu erlauben zu sein, wie man ist, sich selbst liebevoll anzunehmen, dann stellt sich Veränderung ein und man lebt immer mehr das eigene Wesen. Das erste Ziel kann ich aktiv verfolgen. Ich lerne, Verständnis aufzubringen, erforsche mich selbst und verstehe immer besser, wie ich (geworden) bin. Das zweite Ziel – das Werden – folgt passiv nach. Veränderungen meiner Denkweise, meines Verhaltens, meines Empfindens und meiner gesamten Weltsicht ergeben sich und wachsen mehr und mehr, als Folge davon.

Das heißt: Wenn ich Veränderung anstrebe und beginne, mich selbst anzunehmen, weiß ich nicht genau, wie ich mich im Einzelnen verändern werde. – Klingt das plausibel? Oder fragen Sie sich, wie ich etwas als gegeben annehmen und es doch gleichzeitig verändern wollen kann?

Was bringt mich überhaupt dazu, nicht zufrieden mit mir und meinem Leben zu sein und mich verändern zu wollen? Es beginnt oft schleichend und steigert sich langsam: Mir missfallen bestimmte Wesenszüge und Verhaltensweisen an mir, Gefühle und Einstellungen stellen sich mir in den Weg, ich habe Schwierigkeiten mit Menschen oder mit meiner Arbeit, mit Finanzen oder mit meiner Karriere. Ich bemerke Sehnsüchte oder Unzufriedenheit, Ärger und Kränkung, fühle mich angegriffen, missverstanden, abgelehnt, bin überfordert oder gelangweilt, habe Stress oder sogar Schmerzen, Krankheit zeigt mir Grenzen auf. Das sind Motoren für Veränderung! Ich will etwas nicht-haben, weg-haben – will es verändern. Es soll verschwinden aus meinem Leben und ich möchte zufrieden und glücklich sein.

Sich selbst anerkennen

Der Weg zum Glück führt über die Anerkennung seiner selbst: Was ist, muss ich akzeptieren. Was ich verändern kann, muss ich erst herausfinden. Die Selbsterforschung kann beginnen. Ich muss mich um mich selbst kümmern, muss hinsehen. Solange ich die Umstände beschuldige oder andere Menschen anklage, ändert sich nicht viel. Selten gebe ich bereitwillig zu, dass die Ursachenbekämpfung bei mir selbst ansetzen muss. Es wäre schön, andere wären verantwortlich.

Doch mein Leid hat mit dem was ich tue und denke ganz unmittelbar zu tun. Übernehme ich dafür Verantwortung, kann sich etwas verändern, weil ich bereit bin MICH selbst anzusehen und herauszufinden, wie weit ich mich selbst bestimmen kann. Jetzt beginnt die wirkliche Arbeit der Veränderung: Ich lerne, mich zu sehen und anzunehmen wie ich bin. Ich beginne, mir Verständnis entgegenzubringen, lerne mich selbst besser verstehen und kann nach und nach hier und da erkennen, warum ich so oder so geworden bin. Verständnis führt zu Einsicht, der Weg ebnet sich, Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit wird möglich gemacht.

Dabei gibt es immer zwei Perspektiven, die ich einnehmen kann:

  1. „Das Leben war ungerecht zu mir, es hat mich benachteiligt“
  2. „Das Leben hat mir Kraft mitgegeben, es beschenkt mich mit Fähigkeiten und Gefühlen.“

Beides prägt. Beides hat mich dahin gebracht und mich so werden lassen, wie ich heute bin. Ich habe mich in der Reibung zwischen ungünstigen Voraussetzungen und eigenem Antrieb dahin entwickelt, wo ich heute stehe. Es gibt nicht nur eine Seite!

Hier und jetzt lebe ich

Vergangenheit ist vorbei. Heute kann ich meinen Blickwinkel darauf verändern, kann mich entscheiden anzunehmen, vielleicht zu verzeihen und es als vergangen hinter mir lassen. Nicht immer einfach, und oft braucht es länger, bis es mich loslässt – es holt mich manchmal wieder ein. Wegmachen geht gar nicht, die Begegnung damit muss ich immer wieder neu und bewusst gestalten, und zwar JETZT, in der Gegenwart. Nur hier und jetzt lebe ich nämlich, und hier und jetzt setze ich mich neu in Beziehung, verändere mein Gefühl zu der Erinnerung. Das geht.

Nun bin ich dort angekommen, wo ich angefangen habe: Das Paradox beginnt zu wirken. Ich erkenne meine Vergangenheit an, erlebe mich liebevoll als Person, die ich werden musste. Gleichzeitig erkenne ich aber, dass ich darauf nicht festgelegt bin für alle Zeiten. Es ist möglich, in der Gegenwart meine Einstellung zu überprüfen, mich meinen Gefühlen zu stellen, die Rollen neu zu verteilen, Erlebtes neu zu bewerten. Und schließlich schenke ich mir selbst Aufmerksamkeit und sorge für mich. Ich bekenne mich zu meinen Gefühlen, ich erkenne mich immer mehr an und stehe für mich ein. Ich traue mich, auch anderen mehr davon zu zeigen. Ich werde immer mehr zu der Person, die ich zwar schon bin, aber doch jetzt erst wirklich sein kann. Paradoxerweise bleibe ich, was ich bin, und verändere ich mich trotzdem.

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