Hin und wieder möchte ich – wie jeder andere Mensch auch, so glaube ich – hinter meinem Verhalten etwas verstecken. Nein, falsch formuliert. Ich möchte das nicht, aber ich tue es. Sozusagen automatisch.

Noch bevor ich wirklich an den Punkt komme, den Gedanken tatsächlich zu DENKEN, denke ich offenbar schon unterbewusst, ich hätte etwas zu verstecken; automatisch verhalte ich mich dann schon so, dass ich mich nicht „bloßstelle“, dass keine Unsicherheiten sichtbar werden, sondern dass ich mich sicher fühle.

Bemerke ich so eine Situation, ist es meist schon passiert. Mir wird dann klar, dass mein Verhalten nicht ganz dem entspricht, was ich tatsächlich bin oder sein will. Ich frage mich: Was steckt dahinter? Was befürchte ich denn? Was könnte so Schlimmes passieren, wenn sich tatsächlich meine Unsicherheit zeigen würde?

Bedürfnisse werden zu Glaubenssätzen

Ich denke, wenn wir persönliche Unsicherheit verbergen wollen und die Maske der Souveränität aufsetzen, dann spielen drei grundlegend menschliche Bedürfnisse eine Rolle:

  1. Wir wollen lieben dürfen und geliebt werden, gesehen werden von anderen. Das ist die wichtigste Grundlage menschlichen Zusammenlebens.
  2. Wir wollen dazugehören und Teil einer Gemeinschaft sein. Das ist eine wichtige Säule unserer Identität.
  3. Wir wollen uns sicher fühlen können, sowohl körperlich als auch psychisch, denn sonst entwickeln wir Ängste.

Mit unserem Verhalten glauben wir, diesen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Wir verhalten uns so, dass wir die vermeintlichen Erwartungen der Welt an uns erfüllen (sofern wir nicht zu denen gehören, die genau das Gegenteil tun und sich möglichst wenig konform verhalten). Diese Erwartungen gibt es aber nur in unserem Kopf, denn wir kennen sie ja nicht genau und keiner weiß, was „die Welt“ von uns erwartet.

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Ob wir angepasst oder unangepasst sind – wir verhalten uns so, wie wir uns gerne sehen möchten, das könnte z.B. als souveräne Person sein, die in einer Führungsrolle, in der Öffentlichkeit oder in einer bestimmten Gruppe von Menschen Sicherheit ausstrahlt. Wir identifizieren uns mit diesem Verhalten, projizieren unsere Erwartungen in „die Welt“ hinein und glauben schließlich, die Erwartungen anderer an uns zu kennen. Häufig sind die folgenden Glaubenssätze anzutreffen:

  1. Ich muss Bescheid wissen, muss Antworten haben und darf keine Fragen stellen.
  2. Ich muss perfekt sein, darf keine Fehler machen.
  3. Ich darf mich nicht blamieren, ich muss gut dastehen.
  4. Ich darf nicht zu viel Gefühl zeigen, muss mich im Griff haben.

Diese vagen Gedanken bestimmen häufig unser Tun und Sein. Sie ziehen uns gedanklich in eine Welt hinein, die es so nicht gibt, und behindern ehrliches, authentisches und menschliches Verhalten.

Ein Gedanke verändert eine ganze Welt

„Menschen, die immer daran denken, was andere von ihnen halten, wären sehr überrascht, wenn sie wüssten, wie wenig die anderen über sie nachdenken.“ Das Zitat des Schriftstellers Bertrand Russell bringt zum Ausdruck, dass wir selbst uns die meisten Gedanken über diese Dinge machen. Den anderen ist es egal, ob wir mal einen Fehler machen; niemand erwartet, dass wir perfekt sind oder alles wüssten; und wenn jemand Gefühle zeigt, dann steht er oder sie deshalb nicht schlecht da, sondern wird vielleicht endlich mal als Mensch wahrgenommen.

Der er-wachsene Teil unserer Persönlichkeit hat diese Phase der Orientierung an verinnerlichten Normen hinter sich gelassen und hat verstanden: Die Welt ist, wie sie ist, und nicht so, wie manche Menschen sagen, dass sie sein soll. Fehler machen gehört zum Leben und bedeutet Lernen; niemand ist perfekt (was immer das sein könnte in irgendjemandes Vorstellung); etwas nicht zu wissen sondern Fragen zu stellen, das bringt die Welt voran; und schließlich machen Gefühle menschlich und Unsicherheit zuzulassen heißt, sich auf die Wechselfälle des wirklichen, immer wieder überraschenden Lebens einzulassen. Feiern wir also unsere Menschlichkeit!

Werden diese „erwachsenen“ Einsichten zu Glaubenssätzen, verändert sich das jeweilige Verhalten grundlegend. Neue Handlungsspielräume tun sich auf. Wir glauben nicht, die Erwartungen an uns zu kennen, sondern treten anderen Menschen neugierig entgegen und können für deren Meinungen offen bleiben, ohne sie verändern zu müssen. Und schließlich wird sich auch das Verständnis uns selbst gegenüber in der gleichen Weise verändern: Wir würdigen was wir sind, nicht was wir sein sollen.

Wie Wut zum Freund wird

Ich möchte ein Beispiel aus meinem Leben erzählen. In meiner vor-erwachsenen Zeit war es normal für mich, keine Wut zu empfinden. Wut gehörte zu den Gefühlen, die nicht sein durften. Ich habe sie nicht zugelassen und nicht erkannt; sie ist irgendwie versickert und ich konnte die große Energie des Gefühls nicht nutzen.
Heute dagegen spüre ich, wenn ich aufgebracht bin. Ich kann es zulassen und zu mir selbst sagen: „Ich bin wütend!“ „Gut so!“, denke ich, und verbinde mich mit der Kraft dieses Gefühls. Sie kann mir helfen, ehrlich zu mir zu sein und meine Bedürfnisse besser zu erkennen. Wenn ich später nicht mehr so aufgebracht bin, kann ich vielleicht sogar formulieren, was mir fehlt oder zu viel ist. Oder die Wut kann mir eine Tür zu einem neuen Denkansatz öffnen, weist sie mich doch massiv auf einen Missstand hin. Dieser kann im Außen bedingt sein, kann aber auch in mir selbst eine Ursache haben.

Was ist die Moral von der Geschichte?

Der Anflug einer Ahnung davon, dass wir mit einem Wort, einem Witz, einem Blick, einer Bewegung, einer Handlung (oder was wir sonst noch automatisch im Repertoire haben) eine Unsicherheit verstecken wollen, darf als ehrlicher Freund angenommen werden, der auf ein in uns schlummerndes, noch zu entdeckendes Potenzial hinweist. – Es kann passieren, dass wir diese Ahnung in uns haben, aber dennoch nicht unser Potenzial sehen. Das ist vielleicht genau die richtige Zeit, mit einem wirklichen Freund aus Fleisch und Blut über diese Ahnung zu sprechen.

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