Kommunikation

„In der rechten Tonart kann man alles sagen. In der falschen nichts.“
(George Bernard Shaw, 1856-1950, engl. Dramatiker)

Eine der spannendsten Herausforderungen im zwischenmenschlichen Alltag ist die Fähigkeit (bzw. die Unfähigkeit), richtig miteinander zu reden. Ein Wort zur rechten oder zur falschen Zeit, kann einem Lebenslauf eine völlig unerwartete Wendung geben: Es macht eine Beziehung möglich oder zerstört sie, macht aus Menschen Freunde oder Feinde, kann von einem Moment zum nächsten unsere Lebenssituation komplett verändern. Wir sehnen uns nach einem Wort oder wir fürchten es. Ein Wort kann den ganzen Unterschied machen.

Aber was ist die „rechte“ Tonart? Was die „falsche“? Wie vermeiden wir Missverständnisse und wie drücken wir uns so aus, dass wir wirklich verstanden werden? Wir hören schnell etwas, das gar nicht gesagt wurde oder hören „zwischen den Zeilen“ oder verstehen, was gar nicht gemeint war. Haben Sie ein Beispiel beizusteuern? Lesen und kommentieren Sie dazu meinen Blogbeitrag: „Ich höre, was Du nicht sagst.“

Natürlich gibt es Regeln über „gute“ Kommunikation. Leider lernt man diese nicht unbedingt in der Schule, sondern man muss sie sich auf andere Weise erarbeiten. Die schmerzlichste Art des Lernens sind sicher leidvolle Erfahrungen.

Was meinst Du denn?

Diese Frage sollten wir viel öfter stellen. Doch im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass andere uns verstehen. Bei näherem Hinsehen erkennen wir schnell, dass bereits einfache Worte wie Freundschaft, Wahrheit, Treue oder Liebe von jedem Menschen anders verstanden werden. Noch auffälliger ist der Interpretationsspielraum, wenn es um Verhaltensweisen geht. Menschen haben ein sehr unterschiedliches Verständnis davon, was „gemütlich“ ist oder „angenehm“ oder „gut“ – und das sind Worte, die wir unentwegt benutzen. Da wir keine andere Welt als unsere eigene kennen, gehen wir lange davon aus, dass andere Menschen die Welt ebenso verstehen und interpretieren wie wir. Kommunikation beginnt also mit vielen Vorannahmen.

Aber im Laufe der Jahre lernen wir, dass jeder Mensch seine eigenen Vor-Annahmen mitbringt. Was wir aufgrund unserer eigenen Prägung als selbstverständlich annehmen, verstehen andere Menschen ganz anders! Zuerst müssen wir also andere verstehen, damit wir selbst verstanden werden. Lassen wir uns darauf ein und fragen wir nach: Was meinst Du genau? Verstehe ich Dich so richtig? Wollest Du das sagen?
Je mehr Einblick wir in andere Denk-Welten erhalten, umso besser wird es gelingen, uns verständlich zu machen.

Kultivieren wir nicht gerne die weitverbreitete Unart, versteckte Botschaften in scheinbar harmlosen Sätzen unterzubringen? Wir als Sprechende können uns dahinter verstecken, während bei Zuhörern verständlicherweise große Unsicherheit entsteht: Wird ein Wunsch geäußert oder steckt eine Aufforderung dahinter, muss man sich gegen einen Vorwurf wehren oder soll man sein Unverständnis zum Ausdruck bringen? Wie soll man sicher sein, das Richtige verstanden zu haben? Zu viel bleibt hierbei der eigenen Fantasie überlassen und auf unklare Ansagen kann man eigentlich nur „falsch“ reagieren. Das Beste ist also: Nachfragen!

Das 4-Ohren-Modell

Das 4-Ohren-ModellEine grundlegende Idee davon, wie Kommunikation funktioniert, vermittelt das Vier-Ohren-Modell von Dr. Friedemann Schulz-von-Thun. Eigentlich Vier-Münder-und-vier-Ohren-Modell, denn jede Äußerung wird auf vier verschiedenen Ebenen gesagt und gehört, heißt in der Sprache der Kommunikation: Auf diesen Kanälen wird gesendet und empfangen.

  1. Sachebene: Worüber wird gesprochen? (Sachverhalte, Fakten)
  2. Selbstkundgabe: Was sagt der Sprecher über sich selbst? (Ich-Aussage)
  3. Beziehungsebene: Was hält der Sprecher von seinem Gegenüber, was sagt er über die Beziehung zu ihm aus? (Du-Botschaft)
  4. Appell: Was möchte der Sprecher erreichen, dass sein Gegenüber tut? (Aufforderung)

Bei den „Empfängern“ kommt die Botschaft ebenfalls auf diesen verschiedenen Ebenen an. Und je nach dem, was gerade für die Hörenden im Vordergrund steht, werden sie mit dem entsprechenden „Ebenen-Ohr“ die Botschaft hören und interpretieren. Nicht selten unterscheidet sich die Botschaft, die ankommt, ganz entscheidend von der Botschaft, die auf Sprecherseite beabsichtigt war.

Klarheit in einem Gespräch zu erreichen, hängt demnach wesentlich davon ab, sich dieser Vier-Deutigkeit bewusst zu sein. Wollen wir richtig verstanden werden, ist es sinnvoll, auf der Ebene zu sprechen, auf der wir verstanden werden wollen.

Erst denken – dann sprechen

Wir wissen also: Was auf der Empfängerseite ankommt, muss nicht mit dem übereinstimmen, was wir zum Ausdruck bringen wollen. Beherzigen wir das, wenn wir sprechen – oder besser, bevor wir sprechen – lassen sich Missverständnisse vermeiden. Es muss uns klar sein, dass Ironie als Kritik verstanden werden kann und eine diffuse Beschwerde als Schuldzuweisung; ein Witz kann jemandem in den falschen Hals geraten und eine flapsige Bemerkung kann sich hinterher wie ein Fettnapf anfühlen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie eine unbedachte Wortwahl einem Gespräch eine unerwünschte und unbeabsichtigte Wendung gibt.

Die folgenden zwei Beispiele vermitteln eine Idee davon, auf wie viele unterschiedliche Weisen ein ganz simpler Satz gehört und interpretiert werden könnte. Die Anmerkungen sind willkürlich, viele andere Möglichkeiten sind denkbar

Beispiel 1
Sie: „Mein Gott, ist das kalt hier!“ (Sachebene: Temperatur; Ich-Aussage: Ich friere; Du-Botschaft: ??? abhängig von Person und Situation, z.B. Du hast kein Feuer gemacht / Du bist nicht fürsorglich genug / … ; Appell: drehe die Heizung an / mache das Fenster zu / …)
Er: sagt nichts, holt eine Decke und hängt sie ihr über die Schultern.
Sie erhält die Botschaft: Ich sorge gut für Dich.
Ergebnis: Sich verstanden fühlen.
– Die Botschaft ist auf der Appellebene angekommen: Tue etwas, damit dir warm wird!

Beispiel 2
Er: Ich liebe meine Bücher über alles! (Sachebene: persönliche Bedeutung von Büchern; Ich-Aussage: Lesen bereichert mich, fühlt sich gut an; Du-Botschaft: ??? abhängig von Person und Situation, z.B. ich gebe Dir Einblick in meine Vorlieben; ich vertraue Dir etwas über mich an; ich fühle mich von Dir gestört; … Appell: Verstehe mich! / Gönne mir die Zeit zum Lesen / …)
Sie: beginnt zu weinen und verlässt das Zimmer.
Er erhält die Botschaft: Ich fühle mich in den Hintergrund gedrängt, ich bin gekränkt.
Ergebnis: Konfusion, Schuldgefühl
– Die Botschaft ist auf der Beziehungsebene angekommen: Du liebst das Lesen mehr als mich, ich fühle mich vernachlässigt.

Wenn es uns wirklich wichtig ist, richtig verstanden zu werden, suchen wir nach klaren Worten, um eventuelle Missverständnisse auszuschließen. Wollen wir eine Botschaft auf der Sachebene vermitteln, vermeiden wir besser unklare Ich-Botschaften und lassen auf der Beziehungsebene unzweideutig unsere Haltung erkennen. Professionell ist es, die Ebenen nicht zu vermischen, um dann schließlich den beabsichtigten Appell deutlich an unser Gegenüber zu richten. Wir lassen wenig Zweifel offen, warum wir dieses Gespräch führen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick bezog sich mit diesem Satz auf nonverbale Kommunikation. Mit dem ersten Blick findet eine Vor-Verständigung unausgesprochener Art statt. Wie jemand aussieht und auftritt, löst bereits ein unterschwelliges Bild seiner Person aus. Die Körpersprache (Gestik, Mimik, Haltung, Blick, Nähe und Distanz), die ca. 60-80 % einer Unterhaltung ausmacht, kommt hinzu. Und das ist noch nicht alles: Unbewusste Konzepte, z.B. von Autorität und Unterwerfung, Mann-Frau-Beziehung, gefühlte Kompetenzen  bzw. Inkompetenzen, Sympathie und Antipathie und nicht zuletzt auch nicht zu ermittelnde, vorhandene oder fehlende gemeinsame Wellenlängen schwingen in jeder Unterhaltung mit. Nicht nur, was wir hören, sondern auch, was wir sehen und mit anderen Sinnen aufnehmen, beeinflusst uns. Jede einzelne Komponente kann gegenseitiges Verständnis verbessern oder verschlechtern, ohne dass man recht weiß, warum eigentlich.

Das Beste, was wir tun können, ist meiner Meinung nach, sich zu bemühen, über den erstaunlich geringen Anteil Kontrolle zu erlangen, den wir tatsächlich kontrollieren können: unsere Worte.

  • Sagen wir, was Sache ist.
  • Scheuen wir nicht, uns zu zeigen.
  • Sind wir ehrlich, was die Beziehung angeht.
  • Bitten wir um das, was wir haben möchten.

Das lässt unserem Gegenüber die echte Freiheit einer klaren und bewussten Reaktion auf der Ebene, auf der unsere Worte ankommen. Solcher Aufrichtigkeit werden unweigerlich mehr Vertrauen und Respekt folgen.

Jeder kann sich nur so verständlich machen, wie es seine eigene innere Welt zulässt. Es ist ein Geschenk, von anderen in ihre Welt eingelassen zu werden, ihre Würde und Einzigartigkeit zu spüren, ihre Grenzen und Möglichkeiten sehen zu lernen. So können wir auf einer vertrauensvollen und sehr menschlichen Ebene miteinander reden. In der richtigen Tonart.

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